Thema: blackfacing

Echt kein Brecht

Blackfacing ließe sich als Verfremdungseffekt nutzen – wenn der Rückgriff darauf reflektiert würde

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Seit vielen Jahrzehnten verfolge ich das deutschsprachige Theater mit leidenschaftlichem Interesse und mir sind nur wenige Künstler begegnet, die historisch, politisch oder ästhetisch naiv wären. Als ich also von den Blackfacing-Fällen hörte, die im vergangenen Jahr in Deutschland und in der Schweiz für Skandale sorgten, war ich mir recht sicher, dass die Vorfälle nichts mit einer solchen Naivität zu tun hatten. Ich wollte verstehen, warum sich deutsche Regisseure dazu entschlossen hatten, in ihren Produktionen die Zeichen der sogenannten Blackface Minstrelsy zu benutzen, und was diese Entscheidung für die jeweiligen Stücke, das Theater als solches und die Beziehung zwischen Bühne und Gesellschaft in Deutschland bedeutete. Über Blackfacing ist viel geschrieben worden, dennoch hoffe ich, dass der Blick des in den USA geborenen und aufgewachsenen Außenseiters, der als in Deutschland lebender und zum deutschen Theater publizierender Autor zugleich Insider ist, ein neues Licht auf die Debatte werfen kann.

Weiße parodieren Schwarze – Mit Michael Thalheimers Inszenierung von „Unschuld“ (2011 am Deutschen Theater, hier mit v.l. Andreas Döhler und Peter Moltzen) kochte die Diskussion um Blackfacing hoch. Foto Arno Declair
Weiße parodieren Schwarze – Mit Michael Thalheimers Inszenierung von „Unschuld“ (2011 am Deutschen Theater, hier mit v.l. Andreas Döhler und Peter Moltzen) kochte die Diskussion um Blackfacing hoch. Foto Arno Declair

Die Minstrel Show hat ihre Wurzeln in Amerika, insbesondere bei Thomas Dartmouth Rices „Jump Jim Crowe“ (1828). Diese populäre Nummer, dargeboten von geblackfaceten Künstlern, war eine Kombination von Gesang, Tanz und Sketchen. Afroamerikaner wurden in den Minstrel Shows zu entindividualisierten Objekten gemacht, zu Tieren oder Narren, die man beherrscht und über die man sich lustig macht. Mit ihrem sentimentalen Buch „Onkel Toms Hütte“ (1852) richtete sich Harriet Beecher Stowe gegen Sklaverei, schrieb manche Charaktere aber noch im Minstrel-Stil, darunter der stets freudig dienende „Onkel Tom“. Andere beliebte Minstrelcharaktere waren die dicke fröhliche „Mammy“ als Archetyp der schwarzen Frau und der schelmische „Pickaninny“, ein kindlich daherkommender Erwachsener mit Riesenhunger.

Zwar gingen Minstrel-Truppen Mitte des 19. Jahrhunderts auch in Europa auf Tournee, doch schienen sie am Anfang auf dem Kontinent wenig bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Erst um die Jahrhundertwende hörte man Cakewalk-Songs und frühen Ragtime in Varieté-theatern, deren Programme Elemente der Minstrel Show, afroamerikanische Musikstile und deutsche Kolonialphantasien mixten. Man sang über extrem sexualisierte schwarze Frauen, die von weißen Männern verführt und dann verlassen werden. Nach dem Ersten Weltkrieg tourten afroamerikanische Künstler durch Deutschland, und Komponisten wie Kurt Weill („Nigger-Song“, 1927) und Ernst Krenek („Jonny spielt auf“, 1927) schrieben vom Jazz inspirierte Melodien mit Texten über temperamentvolle, animalische Schwarze, die weiße Frauen verführen und dann verlassen. Die Verbindung zur Minstrel Show war dabei durchaus explizit: Nicht selten zierten Minstrel-Figuren die Cover der Partituren. Auch das berüchtigte Plakat der Nazi-Propaganda gegen den Jazz, „Entartete Musik“, griff auf die Konventionen der Minstrel Show zurück: Es zeigte das Bild des Schwarzen als gefährlichen Untermenschen. Ähnlich wie auf den Covern stellte sich die bildliche Darstellung von Afrikanern insgesamt dar: Bis über die Nazi-Zeit hinaus zierten die kohlschwarzen Gesichter, die wulstigen roten Lippen und die großen weißen Augen der Minstrel-Charaktere deutsche Handelsmarken wie Tucher-Bier und Sarotti-Schokolade. Noch heute verwendet Machwitz-Kaffee das Logo von drei identisch gezeichneten lächelnden Frauen mit krausem Haar, rabenschwarzen Gesichtern und riesigen Lippen. Doch in Deutschland entstanden diese Bilder nicht in einer Welt naiver Diskriminierung. Sie wurden vor allem während des grausamen Genozids an den Herero und Nama im heutigen Namibia (1904 – 1908) verbreitet, während der Verfolgung und späteren Sterilisierung der sogenannten Rheinlandbastarde und während Hitlers Versuchen, die deutschen Kolonien wiederherzustellen.

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