Kolumne

Beiträge zur neuen deutschen Volkstümlichkeit

Heute: Des Hitlers neue Kleider

von

Deutscher 1: Hab letztens „Der Untergang“ gesehen.
Deutscher 2: Toller Film!
Deutscher 1: Aber ohne Bruno Ganz – was wäre das für ein Untergang? Nee, das wäre kein Untergang ohne Bruno Ganz.
Deutscher 2: Brillant. Eine ganze Generation kann sich den Untergang des Dritten Reiches ohne Bruno Ganz gar nicht mehr vorstellen –
Deutscher 1: In dem Film gibt es gar keinen wahrnehmbaren Unterschied mehr zwischen Bruno Ganz und Hitler. Bruno Ganz ist Hitler – magisch.
Deutscher 2: Früher war das so eine abstrakte Blase aus Schuld und Phrasen. Das Dritte Reich vor Bruno Ganz.
Deutscher 1: Bruno Ganz, der macht für mich die ganze Härte und Verirrung und Verblendung – wie soll ich sagen? –, den ganzen Albtraum der Nazis erst so richtig erfahrbar. Ich kann das richtig nachfühlen, wie das gewesen sein muss im Führerbunker. Man ist ganz bei Hitler. Also: bei Bruno Ganz.
Deutscher 2: Diese ganze Verirrung und Verblendung so zu erfahren, durch das brillante Spiel von dem Bruno Ganz, das ist … ja …
Deutscher 1: Das ist erhaben.
Deutscher 2: Und auch mal das Kleine an dem Menschen Hitler zu sehen, sich mal so in den Wahnsinn reinzudenken. Nee, der Bruno Ganz ist wirklich der einzige Hitler, den ich mir vorstellen kann.
Deutscher 3 (von der Seite): Ich glaube, ihr irrt euch – ich glaube, für die meisten Leute ist der Hitler Martin Wuttke in „Inglourious Basterds“ – so eine schrille, total ätzende Figur. Großartig, das ist doch mal ein Hitler!
Deutscher 1: Nee, nee – Bruno Ganz: Das ist Hitler.
Deutscher 2: Der Wuttke wird dem Hitler nicht gerecht. In Wirklichkeit war der Hitler privat ganz sanft. Sagen alle. Und geliebt hat er und Angst hatte er – so ein Hitler war das. Ganz normal. Bruno Ganz nimmt den Hitler als das, was er letztlich war: ein normaler Mensch. Ähm – ich meine … äh: Er zeigt uns: Der Mensch ist das Monster. Nicht irgendein Hitler. Das erzählt mir Bruno Hitler – äh: Ganz.
Deutscher 3: Nee, da lob ich mir den Martin Wuttke. Der Hitler und seine ganze Mischpoke. Dass man nur darüber lachen kann, über diesen grotesken Haufen. Das zeigt uns Wuttkes Hitler.
Deutscher 4: Mir geht’s da ganz anders. Wenn ich Hitler höre, muss ich zuerst immer an Guido Knopp denken. Ich finde, der Guido Knopp hat den Bruno Ganz als Hitler überhaupt erst ermöglicht. So wie der Knopp uns Deutschen den Hitler nähergebracht hat. Diese hingebungsvolle Kinematografie. Und wie er mit Filmmusik arbeitet, um die Dunkelheit der Nazis und den Schrecken des Dritten Reiches herauszuplastinieren. Wow. Gänsehaut.
Deutscher 2: Man nimmt das alles ganz intensiv wahr. Das KZ – ich hab fast geweint. Meine Tochter auch.
Deutscher 4: Ja, das spricht so dein Herz an, drückt so richtig auf die Brust. Der Guido Knopp, an den denk ich immer sofort, wenn ich Hitler höre. Ich hab alle DVDs.
Deutscher 1: Ich auch.
Deutscher 2: Ich auch.
Deutscher 3: Ich auch.
Deutscher 4: Wenn es nicht alles so schrecklich wäre, wäre das – ja, ich komm mir fast ein bisschen komisch vor, das zu sagen –, dann wäre das richtig gute Unterhaltung.
Deutscher 2: Das wär’s doch, wenn sich der Wuttke mit dem Ganz zusammentun würde für einen Film über Hitler.
Deutscher 4: Wuttke und Ganz in einer Knopp-Inszenierung. Das wäre doch …
Deutscher 1: Oder, ich hab schon mal gedacht: So ein Reenactment. Ich meine die Fackelzüge und so …
Deutscher 2: Die Massenaufmärsche.
Deutscher 3: Dieser schreckliche, schreckliche Fanatismus.
Deutscher 1: Das wäre schon … gut … also: wichtig … das alles mal zu erleben.
Deutscher 3: Vielleicht als Sommer-Open-Air. Wie diese Störtebeker-Festspiele. Oder Karl May. Im Tempodrom. Mit Knopp.
Deutscher 1: Alles kann man da auch nicht zeigen. Geht ja gar nicht.
Deutscher 3: Der Krieg …
Deutscher 1: Ich meine, das war schon heftig, wie die Nazis die französische Armee innerhalb von einem Monat mit dem Blitzkrieg ausgehebelt haben. Das muss man sich mal überlegen …
Deutscher 3: Ja – das war schon toll.
Deutscher 1, 2 und 4: Bitte?
Deutscher 3: Ich meine: schrecklich. Pause
Deutscher 3: Wart ihr eigentlich schon im neuen Pollesch? //

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