Look Out

Der Finger auf der Wohlstandswunde

Der Oberhausener Schauspieler Sergej Lubic gibt sich einer lyrischen Melancholie hin

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Es hätte ihn auch in die Banlieues von Paris verschlagen können. Als angehender zweisprachiger Ethnologe hätte er die Vorort-Wut seziert und dokumentiert. Als Sachsen im vergangenen Jahr in den Wassermassen unterging, machte er sich einen Sommer lang auf den Weg, um mit den Betroffenen der Flutkatastrophe zu sprechen. Sergej Lubic, groß geworden in Neukölln, Ecke Tempelhof, spielt seit seinem 12. Lebensjahr Theater. Sein kreatives Leben verläuft aber seit jeher zweigleisig – auch wenn ihm auf beiden Seiten immer gesagt wird, er müsse sich entscheiden. Neben dem Theater ist er Musiker und Teilzeitrapper und legt in seinen Texten scharfzüngig, eloquent und humorvoll den Finger auf unsere Wohlstandswunden. In seinem Text „Hasenfuß“ rollt Lubic, der sich als Musiker Sir Serch nennt, die Geschichte von der Flucht seiner Eltern aus Tschechien auf. Mit einer Plastiktüte und „42 Mark Schulden“ kamen die beiden mit Anfang 20 nach Deutschland. Das beeindruckt und leitet ihn. Politisiert durch frühe Arbeiten an der Berliner Volksbühne und die Schauspielausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, ist Lubic es gewohnt, zu forschen und zu fragen. Noch während der Schauspielschule spielte er in Leander Haußmanns Inszenierung von „Der kleine Bruder“ nach Sven Regener und an der Seite von Samuel Finzi und Kathrin Angerer in „Der Selbstmörder“, inszeniert von Dimiter Gotscheff. Eine Zusammenarbeit, die Lubic bis heute inspiriert.

Sergej Lubic. Foto privat
Sergej Lubic. Foto privat

Das erste Engagement am Theater Oberhausen wird Lubic zur zweiten Schule. Seit der Spielzeit 2011/12 prägt er die Theaterarbeit dort mit seinen zahlreichen Rollen in klassischen und zeitgenössischen Stücken. In der rotzigheutigen Version der „Orestie“ des Australiers Simon Stone, die für den diesjährigen Faust-Theaterpreis nominiert wurde, entwickelt er in der Rolle des Pylades die schmerzhafte Verfasstheit eines Unbeteiligten, der die Tragödie nicht aufhalten kann und zum Betrachten des Untergangs verdammt ist. In der Oberhausener Version von „Tschick“, einem Außenprojekt zwischen Rhein-Herne-Kanal und Stadion, gibt er den rappeligen Neuen in der Klasse, der, aus Russland kommend, ums (psycho-)soziale Überleben ringt. Mit Ferdinand entdeckte Lubic in „Kabale und Liebe“ den Tragöden in sich. Zart und behutsam, empört und rasend schreit er hinaus, wie er sich fühlt und fühlt und nochmals fühlt. In den Zwischentönen verstummen seine Charaktere oft Momente lang unvermittelt, um sich einer Art lyrischen Melancholie hinzugeben. „Ich bin total figurenverliebt“ – Lubic sucht Texte, die durch ihn durchgehen. Sein virtuoser Umgang mit Sprache verzahnt dann Kafkas Briefe mit Rap und Rap mit Schiller’schem Pathos.

Nun ist Sergej Lubic einige Monate in Elternzeit gegangen, seine Ehefrau Ellen Céline Lubic ist wie er am Theater Oberhausen als Schauspielerin engagiert. Nun „kann ich auch wieder lesen, Musik hören, schreiben, Musik machen“. Im Winter erscheint sein neues Album „Oberhausen“, das die Metropole Berlin vom Ruhrpott-Exil aus betrachtet. Denn mit Ende der Spielzeit 2014/15 wird Lubic mit seiner jungen Familie Oberhausen verlassen und nach Berlin zurückkehren – ein mutiger Schritt ins Ungewisse und in den notwendigen Freiraum, um wieder Neues anpacken zu können: „Wenn ein Schiff zu lange im Hafen liegt“, sagt Sergij Lubic, „setzt es Moos an.“ //

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