Stück

Der Text als Augenzeuge

Wojtek Klemm, Regisseur der Warschauer Uraufführung von „Tagebücher des Maidan“, im Gespräch mit Thomas Irmer

von und

Wojtek Klemm, es überrascht eigentlich nicht, dass das Theater in der Ukraine die historischen Vorgänge auf und nach dem Maidan zu bearbeiten beginnt. Was sind die „Tagebücher des Maidan“ für ein Stück?
Bei dem Text „Dzienniki Majdanu“ („Tagebücher des Maidan“) haben wir es nicht mit einem normalen „Stück“ zu tun. Es handelt sich um eine Zusammenstellung von Augenzeugenberichten. Aufgenommen und gesammelt direkt vor Ort, auf der Straße. Das ist auch der allgemeine Gestus des Stoffes. Man spürt eine Hitze. Die Sammlung erfolgte in den ersten drei Monaten des Maidan. Der Stoff reicht bis zum Scharfschützenangriff. Keiner der Sprecher kann auch nur ahnen, was dann später passieren wird. Das gibt ihnen eine gewisse Kraft. Anderseits hatten wir bei den Proben oft das Gefühl, dass die Geschichte diese Figuren auf brutalste Art und Weise schon wieder überrollt hat. Neben der Hitze ist das das zweite Gefühl, welches man im Text deutlich spüren kann. Das Überrolltwerden. So als würde man im Meer von einer großen Welle getragen. Und dann geht man plötzlich unter.

Aufbäumen für das Leben – Der Regisseur Wojtek Klemm erzählt „Die Tagebücher des Maidan“ als Geschichte über Menschen in revolutionären Vorgängen. Foto Magda Hueckel
Aufbäumen für das Leben – Der Regisseur Wojtek Klemm erzählt „Die Tagebücher des Maidan“ als Geschichte über Menschen in revolutionären Vorgängen. Foto Magda Hueckel

Diese Zeugenaussagen wurden von verschiedenen jungen Dramaturgen und Autoren gesammelt und dann von Natalia Voroschbit zu einem Text verdichtet. Sie gibt dem Ganzen eine gewisse Dramaturgie, die den Ereignissen folgt. Einzelne Szenen werden von kurzen historischen Zusammenfassungen eingeleitet. Man könnte es ein bisschen wie bei „Arturo Ui“ betrachten, wo die Geschichte Hitlers die einzelnen Szenen einleitet. Im Falle der „Tagebücher des Maidan“ gibt es allerdings keinen Kontrast zwischen der Ereignisdarstellung und der einzelnen Zeugenaussage. Denn diese ist ja echt. Der Ausgangspunkt ist also ein Dokument und keine theatrale Fiktion.

Warum wurde das Stück in Warschau uraufgeführt?
Die Inszenierung Ende Oktober 2014 war die Spielzeiteröffnung und zugleich der Auftakt der Intendanz von Paweł Łysak und Paweł Sztarbowski am Teatr Powszechny in Warschau. Paweł Łysak leitete bis vor kurzem das Theater in Bydgoszcz, welches unter seiner Direktion zu einem der wichtigsten Häuser in Polen wurde. Warschau hat dagegen ein unglaublich träges und saturiertes Theater. Auf Łysak ruhen nun große Hoffnungen, das zu ändern. Das Motto seines Hauses ist ein „Theater, das sich einmischt“ – basierend auf einem Zitat des ehemaligen Direktors Zygmunt Hübner, ein wichtiger polnischer Theatermacher des 20. Jahrhunderts.

Zur Premiere der „Tagebücher des Maidan“ fanden rund um die Inszenierung verschiedene Aktionen statt. Es gab eine Ausstellung ukrainischer Künstler, eine Art Maidan-Universität mit Kursen und Vorträgen für jedermann, mehrere Laiengruppen wurden eingeladen, im Haus und rund ums Haus thematische Performances zu erarbeiten. Soweit ich weiß, gab es in der Ukraine bis zu Andriy Mays Kiewer Inszenierung Anfang Dezember nur Lesungen des Textes. Also war die Warschauer Inszenierung die Uraufführung.

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