Kolumne

Das große O der Oper

Glanz & Krawall mit der jungen Regisseurin Marielle Sterra

von

Hallo, Hanns Eisler, Hochschule für Musik. Gehst du daran vorbei, hast du Musik im Ohr. Jedes Mal denk ich, lasst sie raus, ehe sie so zugerichtet sind, dass sie den Schlaf der Oper nicht mehr stören können. Alle paar Jahre hab ich Lust auf eine Opernpolemik. Schau ich auf die Uhr, ist es schon wieder so weit. Die Oper ist mein Lieblingsgegner, leicht zu treffen, weil sie sich nicht bewegt. Tatsächlich ist sie zum Sterben schön, weil zum Leben fehlt ihr die Kraft, das wäre zwar auch schön, aber vor allem schön anstrengend. Ich darf nicht vergessen, meinen Satz unterzubringen, wie alle paar Jahre in der Polemik, fast schon ein Klassiker: „Nicht nur genuschelt hört sich die gute alte Oper an wie der gute alte Opa.“ Ha, ha, ha. Ich sollte Kabarett machen.

Hallo, Marielle. Gut schaust du aus. Familienname Sterra. Sie kommt direkt von der Eisler. Dort studiert sie Regie fürs Musiktheater, für mich immer noch Oper, weil ich das große O nicht aufgeben will, da passt so viel hinein, vielleicht eine ganze Welt, wenn man sie nur hineinlassen würde. Musik studiert Marielle auch, Klavier, Tonsatz, Gehörbildung. Sie kann eine Zwölftonreihe vom Blatt singen. Die würde ich jetzt gern hören von ihr, und es wäre okay, wenn sie nach jedem dritten Ton an ihrer Zigarette zöge. Sie weiß um die Kläglichkeit der konventionellen großen Gesten, sie weiß, wie stark die Sänger unter Druck stehen, schön zu singen. Aber was heißt schön? Schön ist höchstens die halbe Wahrheit.

Draußen vor der Tür hab ich einen Eisler-Experten kennengelernt, neulich vorm Archiv der Akademie der Künste. Wir sind zum Rauchen hinaus. Die Eisler-Experten sind mir im Lesesaal schon aufgefallen, gebeugt über ihre großen Notenblätter. Eine Hanns Eisler Gesamtausgabe wollen sie durchziehen. Der Experte mit der Zigarette sagt, dass der Eisler ziemlich geschlampt habe, sie würden Fehler über Fehler entdecken. Das gefällt mir, sag ich, so bleibt er lebendig.

Und was machst du?, fragt er.

Ich schreib ein Buch über Michael Tschesno-Hell, Drehbuchautor bei der DEFA. Stell dir vor, für den Karl-Liebknecht-Film wollte er Eisler als Komponisten haben. Aber dann ist Eisler leider gestorben.

Schade, sonst könnten wir jetzt zusammenarbeiten. Polemik geht anders. Ich kreise im kleinen o der Kolumne, wie eigentlich immer, ich zieh so viel herein wie möglich. Marielle würde ich gern das Opern-O aufschwatzen. Aber dazu braucht sie mich nicht. Sie macht ja längst Musiktheater mit großem O, „Woyzeck“ im Tempodrom oder „L’Amfiparnaso“ im Club Prince Charles in Kreuzberg. In einen Club geht die Oper ja nicht so oft, aber alle wollen die Oper im Club sehen, so dass es eng und stickig wird und immer wärmer. Die Saiten der Instrumente verstimmen sich, aber das macht nichts, denn wenn es etwas weniger stimmt, steckt etwas mehr Leben drin.

In Rostock wollen sie ihre Oper niederhauen. Dagegen hat sich ein Bürgerverein gegründet, der Hunderte von Menschen auf die Beine bringt. Ausgerechnet die Szene selbst aber zeigt so gut wie keine Solidarität, nirgendwo in Deutschland. Also schlafen die Opern wirklich. Allein der große, alte Komponist Siegfried Matthus hat ein Mut machendes Schreiben verfasst. Mit der Rheinsberger Opernwerkstatt führte er jahrelang vor, woran es der Oper sonst fehlt, an zeitgenössischen Werken nämlich. Kein Kunstgenre kann es sich leisten, auf Zeitgenossenschaft zu verzichten. Ich schon, sagt die Oper. Und hört damit auf, Kunst zu sein. Sie hat sich in der Reproduktion eines engen Repertoires verfangen. Sie ist ganz Kultur geworden, Repräsentation, Schönheit, Schlaf.

Mehdi Moradpour, ein junger, aus Teheran stammender Berliner, schrieb für Marielle ein Jugendstück, „irgendwas juckt, irgendwas brennt“. In der Tischlerei der Deutschen Oper hat sie es in der ersten Fassung herausgebracht. Mit Elektromusik. Sie sagt: Niemand sollte Angst vor populärer Musik haben. Schon ihr „Woyzeck“ war unterlegt von einem DJ-Set, dazu Klänge auf dem Keyboard, Soundcollagen.

Hat die Oper also Angst? Vor all dem, was sonst so passiert? Das wäre nicht schlecht, denn mit Angst ließe sich, eingestanden und zugelassen, gutes, unmittelbares Theater machen. In der „Entführung aus dem Serail“, aufgeführt im Studiosaal der Eisler-Hochschule, zieht Konstanze während der Marterarie ihren Rock nach oben. Schutzlos steht sie da, Bangen und Verlangen in einem. Und weil diese Szene auch für die Sängerin nicht alltäglich ist, bangt und verlangt sie mit.

Gerade hat Marielle ihre Gruppe Glanz & Krawall gegründet. Das erste Projekt soll in einem Krankenhaus der Charité stattfinden, voraussichtlich im Klinkerbau der Psychiatrie. Denn die Geschichte hat mit dem Tod zu tun, auch damit, dass er nicht das letzte Wort haben darf: Monteverdis „Orfeo“. Im Titel steckt ein großes O, und ein kleines. Mehr sag ich dazu nicht. //

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