Stück

Die Trivialisierung ist die Apokalypse

Matthias Brenner über Ralph Hammerthalers „Alleinunterhalter“ im Gespräch mit Gunnar Decker

von und

Matthias Brenner, Sie werden am Neuen Theater in Halle den „Alleinunterhalter“ von Ralph Hammerthaler spielen. Beim ersten Lesen war ich irritiert über die Trivialität des Sujets. Aber dann schien es mir eine Art Endzeitzustand zu zeigen, der nach uns greift. Wie ging es Ihnen?
Ähnlich, zuerst war auch ich irritiert, geradezu befremdet. Aber dann begann ich, mich in die Figur hineinzudenken. Dieser spezielle Typus des Unterhalters ist ja etwas tief Zwiespältiges. Ich dachte an O. F. Weidling, der in der DDR berühmt war und dann wegen einiger nicht genehmer politscher Äußerungen nicht mehr auftreten durfte. Was war das für ein schweres einsames Schicksal! Oder Achim Mentzel, der aus der frühen DDR-Beatmusik kam und dann mit volkstümlicher Musik so einen Riesenerfolg hatte, dass er fortan nur noch das machte – obwohl seine Wurzeln ganz andere sind. Da kommt man dann zum Problem der Massenkultur, der Unterhaltung als Ware, die verkauft werden muss und oft in Widerspruch zu den eigenen Werten steht. Da wird es widersprüchlich, das hat ja auch mit Theater zu tun, das einerseits unterhalten will und andererseits damit einen Anspruch verknüpft, nämlich Urteilskraft zu bilden, über Konsummechanismen aufzuklären, und mit der Verführungskraft von Geschichten ein Spiel betreibt, das zugleich fasziniert und die Mechanismen solcherart Faszination selbst zum Thema macht. Der Alleinunterhalter steht vor dem Problem der Trivialität, er muss gefallen, daran hängt seine Existenz. Damit aber ist auch etwas Schicksalhaftes verbunden, Schmerz und Einsamkeit. So bekommt das Ganze tatsächlich einen apokalyptischen Kontext.

Der Alleinunterhalter muss gefallen – daran hängt seine Existenz. Der Schauspieler, Regisseur und Intendant Matthias Brenner vor dem Neuen Theater Halle. Foto Holger Herschel
Der Alleinunterhalter muss gefallen – daran hängt seine Existenz. Der Schauspieler, Regisseur und Intendant Matthias Brenner vor dem Neuen Theater Halle. Foto Holger Herschel

Sie haben Erfahrung mit Monologabenden, was ist das Besondere am „Alleinunterhalter“?
Ja, das stimmt, mit Kafkas „Verwandlung“ und Falladas „Trinker“ bin ich bereits aufgetreten. Als Quasi-Alleinunterhalter mit allerdings tief in Erwartungshaltungen einschneidenden Texten. Das wollte ich gern fortsetzen, und da fand ich Hammerthalers Monolog passend – die Sehnsüchte und Nöte des allein vor einem Publikum stehenden Auftrittskünstlers kenne ich, das ist nichts, was außerhalb von mir liegt, das ist auch ein Teil von mir. Darum geht es. Das Besondere am „Allein- unterhalter“ scheint mir dabei, dass die Sprache nur eine Maske ist. Man muss dahinter zurückgehen und eine weitere Ebene für das Spiel finden. Ich denke, für den Abend wird das entscheidend die Musik sein, die der Alleinunterhalter spielt, das reizt mich besonders. Es geht ja auch um einen inneren Zustand. Da ist echte Sehnsucht, die keinen Platz für sich findet. Da rennt und rennt jemand und knallt dann gegen die Wand. Das muss man erforschen, die Figur braucht eine spekulative Dimension.

Die Regie führen Sie diesmal nicht selbst?
Nein, ich werde mit dem Regisseur Dietmar Rahnefeld zusammenarbeiten, natürlich auch das Gespräch mit dem Autor Ralph Hammerthaler fortsetzen. Den Fremdblick auf das eigene Spiel finde ich wichtig. Jemanden, der einem sagt, was ihn langweilt. Die Konstellation etwa im Monolog, ein Mann und zwei Frauen, eine ältere und eine jüngere, ist ja schon tausend Mal da gewesen. Das ist normal in einem Leben, das kreist um eine durchaus gewohnte Mittelebene. Mir kommt es darauf an, das Groteske und Absurde der Szene herauszuarbeiten, in eine Spirale zu gelangen, wo es wirklich extrem wird. Und zugleich bleibt es Unterhaltung. Davor habe ich auch gar keine Angst. Die Wahrheit falscher Töne hörbar zu machen, etwa mit der Operette, kann ja überaus reizvoll sein, wie wir mit dem „Weißen Rössl“ herausgefunden haben.

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