Kolumne

Das politische Wohlgefühl

von

Einmal ging ich in eine Kneipe. Einer war schon da. Nach mir kam ein anderer. Der setzte sich zu dem einen. Habe die Ehre!, sagte der eine. Lang nicht gesehen. Wie geht’s dir? Sagte der andere: Mir geht’s gut, i bin verheirat’.

Es gibt mehrere mögliche Gründe für seine Hochwetterlage (ich geh mal davon aus, dass er mit einer Frau verheiratet war): Kann sein, dass die Frau gut kochte und ihm die Wohnung putzte und die Wäsche wusch. Kann sein, dass sie einen Batzen Geld mit in die Ehe gebracht hatte. Kann sein, er hat den von ihm bis zur Eheschließung nicht potenziell regelmäßig vollziehbaren Geschlechtsverkehr gemeint. Vielleicht war er auch einfach nur glücklich mit seiner Frau. Vielleicht weil er sie liebte. Oder sie ihn. Oder vielleicht, weil sie immer einer Meinung waren. Er schätzte also vielleicht den Konsens, der mit der Frau, und trotz dieser, ins Haus eingekehrt war – das politische Wohlgefühl im Kleinen, das Harmoniebedürfnis der Sanftmütigen, Ängstlichen und Hilflosen.

Im Großen ist Konsens das Harmoniebedürfnis der Regierenden den Regierten gegenüber zwecks problemfreier Durchsetzung ihres politischen Willens. Einer Regierung, die es schafft, einen möglichst breiten Konsens in der Bevölkerung herzustellen, geht es gut. Die kann ihr Zeug durchziehen, wie sie es braucht.

Im Duden heißt es zu Konsens: Sinngemäße Übereinstimmung von Wille und Willenserklärung zweier Vertragspartner.

Zum Herstellen des Konsens’ braucht es demnach Vertragspartner. Das sind die, deren Interessen hergestellt werden müssen. In der Demokratie ist das das Volk. Dazu gehören die ganz Reichen und die ganz Armen und alle dazwischen. Die kümmern sich dann – kraft ihrer wirtschaftlichen Potenz – mittels öffentlicher Medien darum, dass ihr Wille so erklärt wird, dass auch die mit mangelnder Potenz irgendwann meinen, das wäre ja ganz und gar ihr eigener erklärter Wille und auch immer schon ihre eigene sinngemäße Übereinstimmung mit ihm gewesen.

So wird der Grieche nach und nach zur faulen Sau und bald zum Parasit, der an Europas Wohlstand nuckelt. Der Putin wird zum Hitler. Die Ukraine zum Schmelztiegel der Demokratie. Die Separatisten werden zu Terroristen und Blutsaugern, die das Blut der Demokraten auszuzzeln, und Big Data und TTIP samt CETA werden zu Garanten des Wohlstands für alle (Erzengel Gabriel) – und mittendrin das arme Deutschland, das sein Existenzrecht verteidigen muss.

Der beliebteste Konsens ist die einhellige Meinung. Sie ist das Lustprinzip des durchgestylten Parteistrategen. Wer auf sie setzt, wird populär und hat in der braven Demokratie die Mehrheit im Sack. Die sogenannten Parteien der Mitte wissen, wie die einhellige Meinung geht. Drum haben sie überall die Mehrheit. Nur heißen sie nicht Populisten, sondern Gemäßigte. Populisten sind die, die erst gehört werden, wenn die Widersprüche in der einhelligen Meinung ein epidemisches Ausmaß annehmen und nicht mehr zu leugnen sind, weil die Infizierten die Symptome am eigenen Leib zu spüren beginnen. Solange das Virus zwar schon eingenistet ist, aber noch nicht zum Ausbruch gekommen, weil die Symptome noch wirksam bekämpft werden können, solange spricht man im außerparlamentarischen Politjargon von der braven Demokratie, in Englisch: brave democracy, weil es von großem Mut zeugt, sich von denen, die das Virus verbreiten, auch noch die Symptome behandeln zu lassen.

Jene Parteien, die die Krankheit nach ihrem Ausbruch behandeln wollen, werden nun laut des Populismus geziehen, weil sie den Infizierten jetzt aus der Seele sprechen, dem kranken Körper nämlich, während die sogenannten Gemäßigten immer noch versuchen, mit den Mitteln der braven Demokratie Symptombehandlung zu betreiben. Mittlerweile aber erfolglos. Drum wird jetzt von der Mitte her nicht mehr behandelt, sondern panisch gewarnt vor den radikalen Parteien von rinks und lechts, vor den schamlosen Populisten.

Aber währenddessen, hinter ihrem Rücken, ganz im Geheimen, tut ein Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin das Forschungsinstitut Infratest dimap beauftragen, ein bisschen bei den braven Demokraten herumzufragen. Und was sagen die auf die vorgestanzte Antwort „Unsere Demokratie ist keine echte Demokratie, da die Wirtschaft und nicht die Wähler das Sagen haben“? – Die sagen doch glatt JA dazu. Und zwar 61 Prozent von ihnen.

Da haben sie aber geschaut, die Auftraggeber! So geschaut haben die, dass es nur am äußersten Rand in den Zeitungen stehen durfte. Denn sie haben ungefragt noch eine vorgestanzte Antwort hinterfragen lassen: „Der Sozialismus/Kommunismus ist eine gute Idee, die bisher nur schlecht ausgeführt wurde.“ – Da waren’s immer noch 42 Prozent, die JA gesagt haben. Nicht nur im Osten! Nein! In ganz BRD.

Wenn da nur nicht was schiefläuft. Das klingt ja, als wären wir schon in Griechenland oder Spanien. Dieser verfluchte Populismus! Aber wo kommt der bei uns nur her? Übers Mittelmeer natürlich. Mit all den Flüchtlingen. Das wird’s sein. Lauter Virusträger. Hoffentlich befällt der nicht eines Tages auch noch unsere Wahllokale. //

Kommentar hinzufügen

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Politik und Ironie

Am Zürcher Theater Neumarkt haben Peter Kastenmüller und Ralf Fiedler erfolgreich einen dritten Weg gefunden – zwischen Sprechtheater und Aktionskunst sowie Establishment und freier Szene

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

- Anzeige -

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner