Protagonisten

Kahlschlag

Das Volkstheater Rostock: Wo die Böcke zu Gärtnern werden

von

Die Worte seien ihm schon wie Asche im Mund, sagt Sewan Latchinian. Das klingt nach Hugo von Hofmannsthals „Chandos“-Brief, ein Dokument extremer Hoffnungslosigkeit. Das ist nun schon ungefähr hundert Jahre her – aber in Mecklenburg-Vorpommern kreist der politisch gewollte Unsinn in Sachen Theaterreform einerseits so schnell, dass man als Chronist gar nicht mehr hinterherkommt, andererseits bleibt alles so schlecht wie immer. Nein, es wird immer schlechter. Man wird mit Zahlen beschossen, bis einem schwindlig ist, und zum Spiel gehört, dass diese Zahlen, auf deren Grundlage gestern noch schwerwiegende Beschlüsse getroffen wurden, morgen schon wieder heftig dementiert werden. Nur eines scheint dabei klar und immer klarer zu werden: Es ist eine schiefe Ebene, auf der die Theater in Mecklenburg langsam herabrutschen – ins Nichts. Ist das unaufhaltsam? Es scheint so, denn gegen Vernunft und andere gute Gründe, selbst sparsamste Haushaltsführung, erweisen sich Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) und Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) als taub.

Mecklenburg-Vorpommerns Kulturförderung erlebt gerade ihr Waterloo – Kein Erhalt, sondern Abbau. Dagegen wird heftig protestiert, hier nach der beschlossenen Spartenschließung am 9. März 2015 in Neustrelitz. Foto Winfried Wagner
Mecklenburg-Vorpommerns Kulturförderung erlebt gerade ihr Waterloo – Kein Erhalt, sondern Abbau. Dagegen wird heftig protestiert, hier nach der beschlossenen Spartenschließung am 9. März 2015 in Neustrelitz. Foto Winfried Wagner

Mit den betroffenen Künstlern spricht man überhaupt nicht über diese Fragen. Wo käme man da hin – fahrendem Volk ist nicht zu trauen, haltet euch die Taschen zu und holt die Wäsche von der Leine! Sogar einem derart bürgerlichen Autor wie Thomas Mann passierte es, dass er bei dem Besuch seiner Heimatstadt Lübeck kurzzeitig verhaftet wurde. Warum? Weil man ihn nicht als den Sohn der Stadt erkannte, sondern für einen durchreisenden Fremden hielt.

Sammeln wir also die Trümmer zusammen, die die letzte Aktion der Politik hinterlassen hat. Am 25. Februar beschloss die Rostocker Bürgerschaft mit 26 zu 21 Stimmen den Abbau von zwei Sparten am Volkstheater Rostock. Musiktheater und Tanz sollen weg. Minister Brodkorb hatte gedroht, die Landeszuschüsse an Rostock nicht auszuzahlen, wenn die Bürgerschaft anders entscheiden würde. Schönes Demokratieverständnis! Das Volkstheater unter dem neuen Intendanten Sewan Latchinian hatte in den letzten Monaten das, was man künstlerisch „einen Lauf“ nennt, es zeigte sich sogar ein zartes Pflänzchen der Euphorie inmitten der politisch verursachen Dauerkrise, das Gefühl, wir schaffen das trotz aller Überanstrengung, die darin liegt, im Wochentakt Premieren zu produzieren. Die Hoffnung dabei: Wenn es gelinge, alle vier Sparten wieder attraktiv zu machen, dann habe das Haus sein Existenzrecht unter Beweis gestellt, dann habe man eine Zukunft! Latchinian glaubte als Retter zu kommen – gesucht war jedoch ein Abwickler.

Die darauf folgende Perfidie: Wegen des sowohl künstlerisch als auch ökonomisch sich andeutenden Erfolgs signalisierte die Politik „Gefahr im Verzug“ und peitschte den verordneten Kahlschlag eilig durch. Denn inzwischen hatten sich auch zahlreiche prominente Unterstützer gefunden, von Ulrich Matthes über Armin Mueller-Stahl bis zu Charly Hübner. Und Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse schrieb – mit dem Absender des Kulturforums der Sozialdemokratie – einen offenen Brief an den Minister, den dieser jedoch – das ist sein Politikstil – nicht offen beantwortete. Thierses Kritik ist harsch, wenn er darauf drängt, die geplante Spartenschließung am Volkstheater zu überdenken. So konsolidiere man keine Haushalte! Und überaus deutlich seine Warnung: „Die daraus resultierende Enttäuschung über sozialdemokratische Kulturpolitik wird langsam für die Bundespolitik zum Problem.“ Das klingt bereits nach jener roten Karte, die dann auch am 7. März landesweit in den Theatern symbolisch gegen des Ministers Kahlschlagpläne gezeigt wurde. Da klingt einem Bazon Brock in den Ohren, der zu Rostocks Geschäftsführer Stefan Rosinski nur halb im Scherz sagte, man solle doch am Volkstheater auf Christoph Schlingensiefs Operndorf-Modell setzen, denn Mecklenburg-Vorpommern sei doch das eigentliche kulturpolitische Afrika Deutschlands.

Einige Fakten und Daten zum anhaltenden Desaster: 1989 hatte das Volkstheater noch 740, heute 270 Mitarbeiter. Der Etat ist seit über zwanzig Jahren eingefroren. Dass hier nicht bereits kräftig abgebaut wurde, wird niemand behaupten wollen. Der mit den Stimmen von CDU, SPD und Grünen beschlossene Spartenabbau wird, wenn er umgesetzt wird, nochmal über 80 Stellen kosten. Es bliebe ein Resttheater mit Schauspiel und einem nicht billigen Orchester, das nur noch Konzerte spielt. Zudem soll das Theater in den nächsten Jahren seine Eigeneinnahmen (die Eintrittspreise sind derzeit schon überdurchschnittlich hoch) fast verdreifachen – ein Ding der Unmöglichkeit, zumal, wenn der einnahmestärkste Teil, das Musiktheater, fehlt. Und gleichzeitig soll ein Theaterneubau entstehen, der bereits 1992 (!) beschlossen wurde. Wo und wie weiß noch niemand genau – auch nicht, ob sich ein derartiger Neubau für ein geschrumpftes Volkstheater überhaupt lohnt. Aber wenn gebaut wird – derzeit spricht man von 50 Millionen Euro Kosten –, dann sind die Politiker aller Parteien immer dabei. Zur Not ist es eben eine Abspielstätte für eingekaufte Events – das scheint überhaupt dem Kulturverständnis der „neuen Barbaren“ (Latchinian) zu entsprechen, die nicht mehr kontinuierlich produzieren wollen, sondern nur noch das für die Kultur tun, was sie auch sonst tun: kaufen und konsumieren.

Kommentar hinzufügen

- Anzeige -

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Extrem unwahrscheinlich

Haslach und Finkenschlag – Die Langzeit bespielung eines Stadtteils und der nicht zu ersetzende menschliche Faktor

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann