Thema: Volksbühne Berlin

Ost-West-Nachzugsgefechte

Der Regisseur Jürgen Kuttner über Frank Castorfs Weltanschauungsfuror – und die ungeheure Anmaßung zu sagen: Jetzt ist Schluss! Ein Gespräch mit Gunnar Decker

von und

Jürgen Kuttner, ist es nicht merkwürdig, dass es in der gegenwärtigen Volksbühnen-Debatte so scheint, als ob mit der Volksbühne das letzte große Symbol des Ostens geschleift werden soll, aber im Spielplan des Hauses, nimmt man nur die Inszenierungen von Frank Castorf selbst, spätestens seit „Der Idiot“ vor allem Dostojewski, Céline oder Malaparte zu finden sind? Das klingt nicht gerade nach Ostalgie, deren Zeit abgelaufen ist.

Foto: Thomas Aurin
Foto: Thomas Aurin

Jedem, der im Zusammenhang mit der Volksbühne vom Osten faselt, dem glaube ich sowieso nicht! Ostalgie wird ja der Volksbühne bloß unterstellt. Das sind Leute, die von der Volksbühne nur die drei Neonbuchstaben auf dem Dach kennen und glauben, sie hätten damit etwas begriffen und meinen, hier fände ein sentimentales Schwelgen im schöngeredeten Gestern statt. Das Gegenteil ist richtig. Die Volksbühne war unter Frank Castorf von Anfang an der Versuch, Geschichte in ihrem Widerspruch zu zeigen, ein Unbehagen zu artikulieren …

… am angeblichen „Ende der Geschichte“. Der Westen feierte sich als Gewinner des Kalten Krieges über den Osten …
… und da kam Castorf mit den grandiosen „Räubern“, mit Hauptmanns „Webern“ …

… mit dem Ruf „Unger Unger!“ (ein inzwischen vergessener Reiseveranstalter) statt „Hunger Hunger!“.
Genau, das waren präzise soziologische Beschreibungen für das, was vorging im vereinigten Deutschland. Da bewies Castorf sein Gespür auch für sich unterschwellig Anbahnendes, etwa 1998 mit Sartres „Die schmutzigen Hände“, die bereits eine Zeit lang liefen, als der Jugoslawienkrieg kam, und dann plötzlich eine ungeahnte Aktualität erlangten. Und dann kamen „Die Dämonen“ und „Der Idiot“ bis hin zum „Spieler“ – da wurde dann der Osten ganz anders definiert, ging viel weiter als nur bis nach Görlitz! Da treffen östliche und westliche Denkmuster aufeinander – davon lebt ja das Werk Dostojewskis, und das sind Konflikte, die bis heute andauern. Diese Inszenierungen erzählen doch unendlich viel mehr vom gegenwärtigen Russlandkonflikt als der kenntnisreichste Feuilletonkommentar!

Zu den konstitutiven Elementen Europas gehört eben auch das Östliche, und wenn man sieht, dass es heute so erfolgreiche Bücher wie Heinrich August Winklers „Geschichte des Westens“ gibt, das die Geschichte Europas allein aus der angelsächsischen Perspektive behandelt, dann ist hier mit Castorf eine notwendige Gegenperspektive aufgemacht.
Ja, und diesen grundlegenden Weltanschauungsfuror mit all seinen tief gehenden Widersprüchen hat niemand anderes so gültig im deutschsprachigen Theater artikuliert wie Frank Castorf. Und er ist mit Autoren wie Céline und Malaparte auf diesem Weg auch immer weitergegangen – und auch wieder im Westen gelandet. Dieses sagenhafte Gespür für verdrängte Fragen und Figuren, Außenseitergestalten, die die Geschichte anders erzählen, dieser Wille, weiße Flecken in unserem kulturellen Gedächtnis nicht auszublenden, das hat Castorf zu einem Regisseur von Weltgeltung gemacht. Deswegen finde ich es auch so empörend, dass sich da ein Kulturstaatssekretär hinstellt und sagt: Wir machen da mal was Neues, und Castorf seine Produktionsbedingungen nimmt. Wenn man vor drei oder vier Jahren gesagt hätte: Nun reicht es wohl mit Castorf an der Volksbühne, er ist offensichtlich müde, hätte ich das noch irgendwie verstehen können. Aber nach dem, was er in letzter Zeit gemacht hat, nach Balzacs „Tante Lisbeth“, nach Malapartes „Kaputt“, nach einem „Baal“, der ganz neu auf diesen Anarchotypus blickt, den der junge Brecht geschaffen hat – da empfinde ich das als ungeheure Anmaßung, zu sagen: Jetzt ist Schluss! Jemanden wie Castorf gibt’s nicht am Grabbeltisch.

Ich sehe Tim Renner noch bei der Feier zu 100 Jahren Volksbühne das Glas auf die nächsten 100 Jahre Castorf erheben. Da hat dann wohl jemand auf die Zeit-Schnelldurchlauftaste gedrückt?
Ja, das sind dann so Politikerreden. Aber ich glaube nicht, dass Chris Dercon jemand ist, der alles kaputt machen will, dass er nicht seriös wäre oder etwas in der Art. Das Problem ist eine Kulturpolitik, die nicht weiß, was sie tut! Offenkundig weiß im Berliner Senat niemand – nach fast einem Vierteljahrhundert! –, was sie an Frank Castorf haben, und sie legen einen völlig sinnlosen Aktivismus an den Tag. Castorf war zuletzt zwei Mal zum Theatertreffen eingeladen, wen will man dann noch für so ein Haus? Und wenn die neue Volksbühne nun einfach mal so fünf Millionen Euro mehr bekommen soll, dann denke ich: Frank Castorf wäre der Erste gewesen, der für eine Kooperation mit der Londoner Tate Gallery zu begeistern gewesen wäre. Für jemanden, der mit Döblins „Alexanderplatz“ die Ruine des Palastes der Republik bespielen kann, ist das Tempelhofer Feld auch keine besondere Herausforderung.

Warum hat man dann nicht Castorf, der derzeit überall so viel Erfolg hat, nicht zuletzt in Bayreuth den „Ring“ kraftvoll neu inszenierte, einfach weitermachen lassen?
Das ist wohl der unbedingte Wille, eine besonders große Kerbe in den Winchester-Stutzen zu schneiden. Man kann sich auch damit profilieren, dass man einen Frank Castorf abräumt. Auch so kann man in die Theatergeschichte eingehen!

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