Magazin

Medea in New York

Falk Richter über die „Mid-Career Retrospective“ von Björk im New Yorker Museum of Modern Art

von

Ums gemeinsame Leben betrogen – Björns Stimme, über die eigene Trennung singend, durchwandert im Song "Black Lake" alle Schattierungen tiefer Verletzung. Foto Courtesy of Wellhart and One Little Indian
Ums gemeinsame Leben betrogen – Björks Stimme, über die eigene Trennung singend, durchwandert im Song "Black Lake" alle Schattierungen tiefer Verletzung. Foto Courtesy of Wellhart and One Little Indian

vielleicht ist der berührendste moment dieser mid-career retrospective diese stille, das schweigen, die nun mittlerweile fünfte generalpause der 14 streicher, das innehalten björks, das atemaussetzen der etwa 800 zuhörer an diesem samstagmorgen bei einem der das ereignis BJÖRK IN NEW YORK begleitenden konzerte in der carnegie hall, einen tag bevor die tore zu der ausstellung geöffnet werden, die – um es gleich vorwegzusagen – leider zu großen teilen zu recht von fast allen kritikern in der luft zerrissen wurde: björk steht auf der bühne, geschützt bis zur unkenntlichkeit von einer ihr gesamtes gesicht verdeckenden mit seltsamen space-antennen überzogenen maske, und performt BLACK LAKE aus ihrem neuen album VULNICURA, ein zehnminütiges stück, irgendwo zwischen pop, ernster musik und elektroexperiment, einer ihrer schönsten, ihrer persönlichsten songs überhaupt: ein zutiefst verwundetes kind, kurz vorm weinen, schreien, eine enttäuschte, ihre wut gerade noch zurückhaltende fünfzigjährige frau, angelogen und um ein gemeinsames leben beraubt, durchwandert ihre stimme alle klanglichen schattierungen tiefer verletzungen … immer wieder hält der song an, kommt zu einem stillstand, björk leidet, und wir leiden mit ihr … ihr mann, superstar der kunstszene matthew barney, hat sie betrogen, mehrfach, die ehe ist kaputt, sie lebt nun allein mit der gemeinsamen tochter, und wir haben daran teil: ihr herz ist ein schwarzer see. BLACK LAKE ist auch das herzstück der mid-career/midlife crisis retrospective, ihm ist ein eigener raum mit begehbarer video- und klanginstallation gewidmet. es schwingt rache mit: björks performance ist eine anklage. vor den ohren der welt wird ihrem exmann der prozess gemacht: FAMILY WAS ALWAYS OUR SACRED MUTUAL MISSION WHICH YOU ABANDONED. YOUR HEART IS HOLLOW. YOU HAVE NOTHING TO GIVE. I AM SO BORED BY YOUR APOCALYPTIC OB-SESSIONS. björk arbeitet sich durch die chronologie des scheiterns einer großen liebe, die auch eine enge zusammenarbeit zweier großartiger künstler war. er hat sie verletzt, sie leidet, jetzt rächt sie sich, am ende des konzerts steht sie vorne an der rampe mit erhobener faust und ruft: I AM NOT HURT. VULNICURA hat wenig mit einem popalbum zu tun, es ist großes drama. medea 2015. die tracks lassen sich nicht nebenbei hören, sie fordern einen rahmen, brauchen eine bühne, sie sind komplexität, experiment und zeugnis gelebten lebens. björk ist hier ein ganz großer wurf gelungen. wie eigentlich immer. mit allem, was sie konzipiert, entwirft und produziert: alles, was sie macht, alles, was sie trägt, alle lyrics, jedes video, jede persona, die sie für jedes ihrer alben immer wieder neu entwirft, jede soundbastelei, jeder microbeat, ihre eigenwillige, unter allen popstars dieser welt sofort heraushörbare stimme, ihr gesamtkunstwerk … alles sprengt den rahmen dessen, was ein gewöhnlicher popstar sonst so im angebot hat. sie ist das andere im popbetrieb, das ganz eigene. es ist also folgerichtig, dieser überpopkünstlerin eine ausstellung im MoMA zu widmen. nur leider erfahren wir so wenig darüber, wie genau die björk factory funktioniert: wer erfindet die figuren, die sie performt, wie kommen die videos zustande, wer arrangiert all die kollaborationen mit den wegweisenden visuellen künstlern und soundbastlern, wie reagiert die kunstwelt auf das, was björk in den letzten 20 jahren vorgelegt hat, welche spuren hat ihr universum im schaffen anderer zeitgenössischer künstler hinterlassen? wer alles zeichnet verantwortlich für das gesamtkunstwerk björk? vielleicht müssen wir das alles irgendwann mal im netz nachlesen. in der zwischenzeit fläzen wir uns auf die polsterteile am ende der ausstellung und gucken auf einer riesigen leinwand björk-videos. das macht großen spaß. jedes eine unglaubliche quelle visueller inspiration … ausgetüftelte klangexperimente … einfach daliegen und in björks universum eintauchen … nach zwei stunden videorausch verlasse ich dann doch noch beglückt die viel geschmähte ausstellung: björk ist eines der eigenwilligsten und ausgefallensten und innovativsten gesamtkunstwerke unserer zeit. eine retrospektive über ihr werk, ihr schaffen in einem museum erfahrbar zu machen, hat im jahre 2015 einfach noch nicht so richtig geklappt. egal. den versuch war’s wert. //

Kommentar hinzufügen

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Extrem unwahrscheinlich

Haslach und Finkenschlag – Die Langzeit bespielung eines Stadtteils und der nicht zu ersetzende menschliche Faktor

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler