Kolumne

Sehr geehrter Herr B.,

von

danke für Ihren Brief.
Beim Lesen dachte ich, Ihr Drehbuch könnte mich interessieren. Ihren Brief an mich verstand ich als Vorwort dazu. Dass Sie den Sozialismus behalten wollten, wenn auch nicht so, wie Sie ihn in der DDR erlebt hatten, und dass Sie den Anschluss an den Weststaat nicht gebraucht hätten, weil sie trotzdem lieber das in der DDR erworbene Lebensgefühl unter neuen Voraussetzungen weiterleben wollten – so hab ich Sie zumindest verstanden –, diese Selbsteinschätzung hat mich neugierig gemacht.

Zeichnung David Baltzer
Zeichnung David Baltzer


Den meisten ehemaligen DDR-Bürgern scheint das westliche Wertesystem willkom- men gewesen zu sein. Die ersten gemeinsam erzielten gesamtdeutschen Wahlergebnisse deuteten darauf hin. Und schnell war auch in den dann sogenannten neuen Bundesländern ein Konsens erreicht, unter dem ich mich schon in der alten BRD immer wieder auf mich selber zurückziehen musste, um atmen zu können. Das hat sich bis heut nicht geändert.
Ich spreche nicht von wirtschaftlichen Problemen. Diesbezüglich war und bin ich privilegiert. Aber das haben Sie ja auch nicht getan.
Sie interessiert, warum es die DDR nicht mehr gibt. Irgendwas daran scheint Ihnen erhaltenswert gewesen zu sein.
Mich hat immer interessiert, warum diese BRD mir ab einem gewissen Bewusstseinsstand solch einen Mangel an Zugehörigkeitsgefühl verpasst hat, wo in ihr doch irgendwann jeder und jede machen konnten, was sie wollten – scheinbar wenigstens –, wenn sie nur das System, die freie Marktwirtschaft, begriffen hatten und in der Lage waren, es durch Anpassung, aber besser noch durch eigene Initiative zu perfektionieren, was hieß, mitzuhelfen, es, das System, immer weltumspannender zu gestalten. Dann konnte man sogar ein 68er Pflastersteinschmeißer gewesen sein oder eine feministische Ikone – am Ende war man dabei beim sogenannten Establishment.
Mich haben die immer mehr interessiert, die nicht dabei waren.

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