Thema: Phobien der Gegenwart

Montagswirklichkeit

Miriam Tscholl, Leiterin der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden, und Hausregisseur Tilmann Köhler über die dunkle Seite der Zivilgesellschaft im Gespräch mit Michael Bartsch

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Frau Tscholl, Herr Köhler, als Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich nach den Ausschreitungen vor einer Flüchtlingsunterkunft in Heidenau versuchte, mit empörten Bürgern zu reden, muffelte einer von diesen: „Für alles ham se Geld! Wozu braucht man zum Beispiel Schauspieler?“ Was hätten Sie ihm geantwortet?
Miriam Tscholl:
Ich lade Sie herzlich ein mitzuspielen, hätte ich geantwortet. Es ist ja nicht so, dass man sich selbst nie die Frage nach Sinn oder Unsinn von Theater stellen würde. Aber diese Krise, in der wir gesellschaftlich gerade stehen, bestärkt mich, dass unsere Arbeit extrem wichtig und sinnvoll ist.

Diffuses Angstgemisch – Die Pegida-Proteste, sagt Tilmann Köhler, richten sich nicht gegen Altersarmut oder soziale Ungerechtigkeit, sondern gegen eine sehr kleine Minderheit. Foto David Baltzer
Diffuses Angstgemisch – Die Pegida-Proteste, sagt Tilmann Köhler, richten sich nicht gegen Altersarmut oder soziale Ungerechtigkeit, sondern gegen eine sehr kleine Minderheit. Foto David Baltzer


Tilmann Köhler: Ja, man braucht streng genommen keine Schauspieler. Eine Gesellschaft muss immer wieder neu entscheiden, ob und warum sie diese Bühnenorte haben will. Persönlich finde ich solche Orte der gesellschaftlichen Auseinandersetzung unersetzlich, gerade jetzt, gerade in Dresden.

Haben wir, frei nach Horkheimer und Adorno, nicht längst eine Spaltung in eine Massenkultur und in jene, die Sie vertreten, die einen „Anspruch“ erhebt?
Tscholl:
Ich finde den Begriff Anspruch etwas zweifelhaft, weil darin immer noch die schöne und hehre Kunst anklingt, das Noble, das Heilige. Was wir ja gerade versuchen, ist, ganz nah in der Stadt mit den Menschen zu besprechen, was „dran“ ist und was sie beschäftigt. Wir haben den Anspruch, dass wir präsent sind und uns mit der Realität auseinandersetzen.

Pegida und Flüchtlinge ziehen uns die Maske weg, führen uns den labilen Gesellschaftszustand vor Augen. Es herrscht Aufregung unter Politikern und Künstlern, die sich angesprochen fühlen.
Tscholl:
Nachdem wir uns monatelang in der Beschreibung und Analyse die Köpfe heißgeredet haben, tritt das in meiner Wahrnehmung jetzt etwas in den Hintergrund. Wir krempeln die Ärmel hoch, entwickeln Theaterprojekte, laden Leute ein, bringen Dresdner und Geflüchtete zusammen. Das empfinde ich trotz der politisch und analytisch ungeklärten Situation als etwas ganz Produktives. Im konkreten Handeln versuchen wir zu spüren und uns zu versichern, dass wir zu einer Mehrheit gehören, die die Richtung bestimmt.

Stellen wir nicht über Dresden hinaus fest, dass der Diskurs insbesondere über verbindende Werte in der Gesellschaft stark gestört, wenn nicht gar abgerissen ist?
Köhler:
Da spüre ich aber doch eine besondere Situation Dresdens. Ich kann Freunden in anderen Städten kaum noch vermitteln, was hier passiert. Das letzte Jahr mit seinen fremdenfeindlichen Demonstrationen, Übergriffen und selbstverständlich gewordenen antidemokratischen Pöbeleien hat für mich viele Fragen ausgelöst, massiv auch nach der Relevanz der eigenen Arbeit. Denn wir haben sechs Jahre lang Rechtsextremismus, Rassismus und antidemokratisches Verhalten thematisiert. Positiv gesehen, konnten wir die untergründigen Phänomene richtig erkennen …

… aber nicht verhindern!
Köhler:
Ja, leider. Die für mich inhaltlich weniger relevante Arbeit war bei den Zuschauern oft erfolgreicher. Und umgekehrt. Theater darf ein Ort der Selbstbestätigung und des Sich-selbst-Feierns sein, aber unerlässlich wird es für mich erst als ein Ort der Fragen, der Verunsicherung, auch der Enttäuschung.

Ängste muss man auch auf der Straße erst einmal äußern dürfen. Aber was steckt dahinter?
Köhler:
Die Standardreaktion auf Pegida lautete ja, dass man die Ängste und Sorgen dieser Menschen ernst nehmen müsse. Nach einem Jahr finde ich, dass diesen Ängsten zu viel Raum eingeräumt wird. Denn diese Bürger werden dadurch nicht von Ängsten befreit, im Gegenteil. Andere Ängste wurden komplett übersehen. Die Angst der Menschen, die sich montagabends nicht mehr in die Altstadt trauen, die Angst vor der Entwicklung dieser Stadtgesellschaft im vergangenen Jahr. Die meisten stehen Pegida sprachlos gegenüber, leider gibt es nicht den breit aufgestellten Protest wie in anderen Städten. Hier muss Bürgerschaft mobilisiert werden, um zu sagen, was ihnen an dieser Gesellschaft wichtig ist. Es ist hier in den vergangenen 25 Jahren nicht klar geworden, dass man für eine Demokratie selbst Verantwortung übernehmen muss, besonders wenn sich eine Gefahr für das Zusammenleben entwickelt.
Tscholl: Es gibt in Dresden Menschen voller Frust und Hass, die wir nicht mehr erreichen. Da empfinde ich so etwas wie Mitleid und Ohnmacht. Bei Erklärungsversuchen stößt man auf den Opfermythos durch die Dresdner Bombennacht, die DDR-Isolation, die fehlenden Achtundsechziger, die Enttäuschungen nach der Wende und auf den lange verschwiegenen Rechtsextremismus. Ein zu großes Verständnis für dieses Angstgemisch aufbringen zu wollen, halte ich für vergeudete Zeit. Mir geht es um eine konkrete Arbeit in die Mitte der Gesellschaft hinein für alle Zweifler und für alle, die noch nicht genau wissen, wem sie sich zugehörig fühlen, gerade auch für die Jugend. Es geht um eine langfristige Stärkung der Zivilgesellschaft in Dresden. Darauf haben wir in den letzten Jahren an der Bürgerbühne ja auch hingearbeitet.
Köhler: Warum passiert dies gerade in dieser äußerlich so blühenden Stadt? Und warum marschieren sie jetzt, wo 25 Jahre lang in Dresden kaum jemand auf die Straße zu bringen war, außer zum Gedenken an die Zerstörung 1945 am 13. Februar? Warum gab es nicht die große Demonstration gegen Altersarmut oder soziale Ungerechtigkeit? Stattdessen zielen die Proteste auf eine hier sehr kleine Minderheit von Ausländern. Was in Sachsen passiert, hat mit der Politik dieser 25 Jahre, vor allem mit der ultrakonservativen CDU zu tun, mit einer falsch verstandenen Toleranz gegenüber antidemokratischen Tendenzen. Die zahlreichen Anschläge und Übergriffe der letzten Monate zeigen deutlich, dass sich in Sachsen eine Form des Rechtsterrorismus entwickelt.

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