Kolumne

Auf Sendung

von

„Es versendet sich“, wird da gesagt, aber nicht etwa, weil wir im Radio gelandet sind. Die beiden Herren, Herr Oberender und Herr Jörder, sind im Disput, auf eine durchaus engagierte und mitunter heftige Weise, und ich komme erst mal nicht zu Wort. „Es versendet sich.“ Es geht ums Stadttheater und das Theatertreffen, nachdem es eigentlich und hauptsächlich um die Theaterkritik gegangen ist, die als Thema uns zunächst erwartungsgemäß in eine kulturpessimistische Richtung trieb, ein Vorgang, den Thomas Oberender mit dem Verweis aufs Digitale unterbrechen wollte: So viel Mitsprache war nie! Der Theatertreffenblog! – Embedded Journalismus, konterte sofort Gerhard Jörder und beschwor zugleich den Machtverlust der Kritiker innerhalb der ehemals bürgerlichen Zeitungsmedien. Kulturpessimismusverdacht kommt allerdings erst so richtig auf, als ich laut darüber nachdenke, mit welchen Verlusten zu rechnen ist, wenn aus dem Stadttheatersystem ein Kuratorensystem wird. Noch dazu ist das die Diskussion vom April, und: Haben wir noch April? Das sagt zwar niemand, das denke nur ich auf einer Nebenspur. Doch wie von Geisterhand steht auch schon zu viel im Raum: zum Beispiel, dass der Kurator längst durch den Managerintendanten vorbereitet wurde. Dass die Festivalisierung schon längst durch alle Stadttheater gegangen ist, dass es ein Insiderdiskurs ist, den die Kritik mehr und mehr betreibt. Ich entdecke Argumentationsreflexe in mir, denen dann ganz automatisch der Kulturpessimismusvorwurf nachfolgen muss, und: Ist nicht die ständige Verlustrechnung kontraproduktiv? Aber was muss hier schon wieder produktiv sein?

Noch sind wir im Radio. Auf Sendung. Vermutlich relativ gut zu hören, vertraut man der Technik, und das tun wir bizarrerweise immer noch. Noch geht es ums Stadttheater, um das Theatertreffen, die Unabhängigkeit der Kritik, die es ja ohnehin nicht mehr geben kann, weil sich so viel in den Medien verändert hat, es geht um behauptete Vielfalt, interaktive Schwarmintelligenzkritik und den wahren politischen Gehalt eines Theaterabends. Nur ich habe mich längst abgekoppelt auf meiner Nebenspur, die schon mal damit beginnt, dass ich Schriftstellerin bin, also in dieser Runde weniger die Expertin abgeben kann. Immerhin halte ich ja an der Sprache fest, was ja Experten längst nicht mehr tun. Keine müde theaterwissenschaftliche Seele. Not state of the art! Oder hat nicht Thomas Oberender gerade eben gesagt, das Literaturtheater komme ihm so fern vor wie das No-Spiel? Habe ich geantwortet: Und das in einer Welt, in der Sprache und Sprechen eine so entscheidende Rolle einnehmen, eine Welt voller politischer Konferenzen, Hinterzimmergespräche, Verkaufsrhetoriken, Streiträume? Nein. Nicht direkt. Aber trotzdem: Warum soll ausgerechnet im Theater auf die formale Gestaltung von Sprache verzichtet werden? Was ist das für ein Erschrecken vor dem Wort? Das bleibt herauszufinden. Meine Nebenspur ist jedenfalls schon weitergezogen: Ich brauche Schauspieler, die etwas vom Sprechen, vom Text, von Literatur verstehen. Aber gleichzeitig sehe ich ein, dass die Szene, also die Bühnenszene, nicht mehr so funktioniert wie vor fünfzig Jahren. Der Theaterraum hat sich ausgestülpt. Die Ränder der Bühne sind diffundiert (was weitaus mehr als das Durchstoßen der vierten Wand ist), wir interessieren uns (unser letztes bürgerliches Erbe) radikal fürs Echte, Authentische, Gegenwärtige, wir sind Eventmenschen geworden (oder eben Anti-Eventmenschen), die Event-Apps bedienen und gleichzeitig anpolitisiert sein wollen, wobei wir keine politischen Interessen mehr vertreten und Aktualitätshunger und Dabeiseinwollen damit verwechseln. Wir? Wer sagt hier wir? Und wo findet das statt, dieses Wir? Denn was ist mit der Provinz, würde Gerhard Jörder jetzt einwerfen, wären wir hier noch auf der Radiospur, und ich könnte kurz darauf die Loslösung der postbürgerlichen Publikumsklasse von den Räumen, den Städten kommentieren (wir fliegen! Zumindest der eine Teil von Nordneukölln fliegt! 3000 New Yorker Künstler fliegen und sie werden alle in die Volksbühne fliegen!). Oder sagen: Die Bildungserwartung ist eine andere. Wir üben uns heute mehr im Verschalten von Wirklichkeitsebenen, als Bildungsgut zu erwerben. Wir lernen Interfaces zu bedienen und Repräsentationsfragen zu stellen. Interessieren uns nicht mehr für feste Kunstgrenzen, wollen Diskurs- und Erlebnisräume, und wir wollen vor allem eines: „Wir“ sagen, während wir nur uns selbst meinen, aber ich sage es nicht, lasse immerhin meine Niedergangsbeschreibungen schlagartig fallen. Irgendwas in mir sieht nicht ein, dass man in dieser neoliberalen Revolution alles über Bord schmeißen muss, was mit Kontinuität, langjährigem künstlerischem Teamwork jenseits eines total prekarisierenden Rahmens zu tun hat, und irgendwas in mir hat den Spruch von Wolfgang Tillmans im Kopf, es sei ohnehin alles Markt, nur das deutsche Stadttheater habe das nicht begriffen (in Wirklichkeit hat es das natürlich) –, aber das findet im Endseptemberradio statt – gleich schon, im mittleren Oktober, werde ich in dieser Kolumne beginnen, meine grundlegenden Gedanken zu einem neuen Theater, das durchaus auch literarisch ist, zu entwickeln. Und das wird knallen, ich sage es Euch! //

Das Radiogespräch können Sie hier nachhören

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