Protagonisten

Stimmen der Wüste

Das Theater an der Ruhr in Mülheim war schon immer ein Kreuzungspunkt der Kulturen – nun wird es wichtiger denn je

von

High Noon. Die Stunde der Wahrheit. Über der Steppe von Mülheim glimmt eine fahle Sonne. Zwei finstere Gestalten gehen im Zwielicht in Position. Gleich wird er fallen, der erste Satz dieses Abends – doch plötzlich schießt ein anderes Geräusch quer durch den Raum. Der Ruf eines Muezzins, zum Gebet, zum Gebet! Lange Gesichter, der Auftritt ist versaut. „Mathilde, meine Schwester“, hatte Adrien eigentlich rufen wollen. „Du bist also wieder zurück in unserer guten alten Stadt.“ Aber daraus wird erst mal nichts. Die „gute alte Stadt“ wird übertönt. „Hinter dieser Mauer“, wird Adrien seinem Sohn später verschwörerisch zuraunen, „beginnt der Dschungel (…) Die Welt ist hier (…) sonst gibt es nichts zu sehen.“

Hier. Das ist in Bernard-Marie Koltès’ „Rückkehr in die Wüste“ die französische Provinz. Metz vielleicht, diese ehemalige Festungsstadt im nordfranzösischen Lothringen, in der Koltès 1948 als Sohn eines Offiziers geboren wurde und in der selbst der Bahnhof wie eine Kirche aussieht, von der großen Kathedrale im Zentrum ganz zu schweigen. 2014 gewann hier trotz sozialistischer Regierung der Front National bei den Kommunalwahlen in der ersten Runde fast 21 Prozent. Hier – das könnte in Roberto Ciullis Inszenierung aber auch, ja, hier sein: Mülheim, keine Festung, dafür mit Eigenheimen, Gartenzäunen und Eckkneipen versehen, nur 350 Kilometer von Metz entfernt, zugleich jedoch viel näher an Nordafrika gelegen als die französische Stadt an der Mosel, in der bereits zu Koltès’ Zeiten – der Algerienkrieg lag in den letzten Zügen – viele Araber lebten.

Wieder ein Singsang. Diesmal leiser. Diesmal französisch. Im Großraumbüro des Theaters an der Ruhr sitzt der Intendant des tunesischen Nationaltheaters Fadhel Jaibi und spricht mit Roberto Ciulli. Auf dem Tisch stehen Feigen und Weintrauben. Die Vorstellung beginnt in wenigen Minuten. Doch die beiden Männer lassen sich nicht stören. „Démocratie“ – „dictature“ sticht einmal kurz aus ihrem Gespräch hervor. Dann wieder konzentriertes Geraune. Roberto Ciullis „Rückkehr“ wirkt nach den Attentaten in Paris im November einmal mehr wie ein düsterer Ausblick. Das Stück beschreibt vor dem Hintergrund eines Geschwisterstreits die Auswirkungen des Algerienkriegs auf Frankreich. In Cafés explodieren Bomben, Adrien mauert sich ein. Es ist ein großer Kraftakt, im Angesicht des Terrors auf dieses Stück zu blicken. Es ist eine große, wichtige Produktion.

Für die Freiheit! – Aber der Fremde darf nicht mit? Jo Fabians "Wilhelm Tell" (hier mit Matthias Horn, Gabriella Weber, Boris Schwiebert und Thomas Schweiberer). Foto Andreas Köhring
Für die Freiheit! – Aber der Fremde darf nicht mit? Jo Fabians "Wilhelm Tell" (hier mit Matthias Horn, Gabriella Weber, Boris Schwiebert und Thomas Schweiberer). Foto Andreas Köhring

Die Theater in Deutschland reagieren schon seit Monaten auf die Herausforderungen, die aus IS-Terror und Flucht resultieren. Es gilt, beides nicht zu vermischen, die Situation zu analysieren. Doch mit welchen Mitteln tritt man hier an? Mit medienwirksam inszenierten Mahnaktionen wie am Schauspielhaus Bochum, das Anfang September dazu einlud, in einem bereitgestellten Lkw dem Erstickungstod eines Flüchtlings nachzuspüren? Mit einem presseumwirbelten „Accattone“ von Johan Simons im Dinslakener Stadtteil Lohberg, von wo aus im Sommer 2014 eine Gruppe junger Männer in den Dschihad aufbrach (siehe auch S. 88)? Die Männerbande am Raffelberg würde sagen: eher nein. Es braucht Zeit, Ruhe, Kontinuität, am wenigsten: kulturpolitisch induzierte Aktion.

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