Protagonisten

Die Kunst der Fuge

Die Kosten für die Sanierung der Berliner Staatsoper Unter den Linden explodieren. Die Geschichte eines Politikversagens

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Schall und Rauch – Nachdem die Ko nanzierung der Freunde der Berliner Staatsoper geplatzt ist und das Bedarfsprogramm ausgeweitet wurde, muss Berlin für die Sanierung nun 20 Mal mehr aufbringen als geplant. Foto: SenStadtUm Berlin / Christian von Steffelin
Schall und Rauch – Nachdem die Ko nanzierung der Freunde der Berliner Staatsoper geplatzt ist und das Bedarfsprogramm ausgeweitet wurde, muss Berlin für die Sanierung nun 20 Mal mehr aufbringen als geplant. Foto: SenStadtUm Berlin / Christian von Steffelin

Mein Nachfolger im Amt des Berliner Kultursenators Klaus Wowereit (2006–2014) kündigte im Juni 2008 an, die Sanierung der Staatsoper bis zum 3. Oktober 2013 mit einem Finanzvolumen von 239 Millionen Euro (davon 200 Millionen Euro vom Bund, 30 Millionen Euro vom Verein der Freunde und Förderer der Staatsoper und ganze 9 Millionen Euro Landesmittel) zu vollbringen. Nach heutigem Wissen soll das Bauvorhaben nun über 400 Millionen Euro kosten und – vielleicht – am 3. Oktober 2017 fertiggestellt sein. Da der Bund seine Mittel nicht aufstocken wird und sich die Zusage der „Freunde“ als Schall und Rauch erwiesen hat, wird Berlin statt der harmlosen 9 Millionen Euro nun ca. 20 Mal mehr aufbringen müssen, als von Klaus Wowereit versprochen. Diese Überziehung toppt alle anderen bundesweit bereits sprichwörtlichen Berliner Bauprojekte.

Als in der Vorphase der Opernsanierung bis 2006 Beteiligter und als im Herbst letzten Jahres angehörter Zeuge habe ich mit besonderem Interesse dem Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses entgegengesehen, der seit Juni nun vorliegt. In dem sage und schreibe 628 Seiten umfassenden Dokument steht viel Sinnvolles und Bedenkenswertes.

Der Mehrheitsbericht der Koalitionsfraktionen (SPD und CDU, Anm. d. Red.) vermittle den Eindruck, die Kostensteigerungen und Zeitverzögerungen seien weit überwiegend auf widrige äußere Umstände wie schlechte Bausubstanz, Störungen im Untergrund, denkmalpflegerische Auflagen oder kalte Winter zurückzuführen, heißt es in dem Sondervotum der Piraten. Dem widersprachen die Oppositionsfraktionen (Grüne, Piraten, Linke) vehement. Grüne und Piraten legten insbesondere die intransparenten Strukturen zwischen dem „Nutzer“ (der Oper), dem „Bedarfsträger“ (Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten) und dem „Bauherrn“ (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt) im Planungs- und Bauprozess offen. Als jemand, der eine andersartige Sanierungskonzeption der Staatsoper verfolgte als die, welche nun realisiert wird, halte ich diese Erkenntnisse für sehr erhellend. Ich bin mir heute nicht sicher, ob ich selbst diese Strukturen hinreichend durchschaut hätte, wenn ich später die Gelegenheit gehabt hätte, den eigentlichen Bau als „Bedarfsträger“ mit zu verantworten. Sicher bin ich mir allerdings, ich wäre auch weiterhin gegen eine als falsch erkannte Planung aufgetreten – und gegen den Lobbyismus.

Gewiss hat die Personalunion von Regierendem Bürgermeister und Kultursenator eine Situation befördert, in der „übergeordnete Entscheidungen“ vor allem auf „informeller Ebene“ und durch „immensen Druck“ auf die Mitarbeiter durchgesetzt wurden. Es ist nur zu hoffen, dass der nächste Senat, dessen Zusammensetzung bei den Berliner Wahlen am 18. September bestimmt wird, Schlussfolgerungen für die Ressortverteilung und die Aufgabenteilung der Akteure bei den nächsten öffentlichen Bauprojekten ziehen wird.

Erstaunlicherweise wird im Parlamentsbericht auf die Abkehr vom ursprünglichen Sanierungskonzept der Staatsoper, wie es 2005 von der Stiftung Oper in Berlin und vom Abgeordnetenhaus beschlossen und von mir mit dem Bund 2006 verhandelt wurde, nur am Rande eingegangen. Im März 2006 vereinbarte ich mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann ein Sanierungskonzept im Finanzumfang von 130 Millionen Euro, wobei sich Bund und Land mit je 50 Millionen und die „Freunde“ mit 30 Millionen Euro beteiligen sollten. Dieses Sanierungskonzept, das von der Bauverwaltung kalkuliert worden war, hatte die überzogenen Wünsche der Staatsoper, wie die Dachanhebung wegen angeblich unzumutbarer akustischer Bedingungen, den Einbau eines vierten Ranges, die Schaffung einer Dachterrasse und die Änderung der Foyersituation abgewiesen – alles im Übrigen denkmalunverträgliche Maßnahmen. Neben der Erneuerung der Bühnentechnik und der Instandsetzung des Hauses war lediglich die Vorbereitung eines Tunnels zum Magazingebäude vorgesehen, um künftig den störenden oberirdischen Kulissentransport neben der Hedwigs-Kathedrale zu vermeiden. Während die Bundesregierung Wort hielt und die 50 Millionen Euro durch Kabinettsbeschluss zur Verfügung stellte, weigerte sich das Land Berlin, die 50 Millionen Euro in die Finanzplanung aufzunehmen. Klaus Wowereit nutzte die laufende Klage Berlins beim Bundesverfassungsgericht auf Anerkennung einer Haushaltsnotlage und warf im Spätsommer 2006 erneut die bereits mehrfach abgelehnte Forderung nach einer Übernahme der Staatsoper durch den Bund in die Debatte. So war bereits vor den Abgeordnetenhauswahlen der Sanierungsplan von Klaus Wowereit selbst aufgekündigt worden.

Parallel erreichte die persönliche Initiative Daniel Barenboims bei der Bundeskanzlerin, dass der Bund nun mit 200 Millionen Euro die Sanierung der Staatsoper übernehmen wollte – ohne dass eine für dieses Volumen von „Nutzer“, „Bedarfsträger“ und „Bauherr“ erarbeitete und parlamentarisch geprüfte Bauplanung vorlag. Ganz klar, dass auch deswegen Wowereit selbst Kultursenator werden musste. Die großzügige einmalige Unterstützung des Bundes kompensierte Berlin nun damit, zur „Qualitätssicherung“ der Staatsoper deren Etat dauerhaft um 10 Millionen Euro anzuheben. Zur Gesichtswahrung erhielten die beiden anderen Berliner Opern zusammen ebenfalls eine vergleichbare jährliche Aufstockung. So genehmigte sich Wowereit mit Amtsantritt jährlich 20 Millionen Euro mehr im Opernetat, nachdem er eine Legislaturperiode zuvor mit Thilo Sarrazin an seiner Seite im Opernetat eine dauerhafte Absenkung in Höhe von 30 Millionen Euro im Senat durchgesetzt hatte.

Nur durch Errichtung der Opernstiftung, der Schaffung gemeinsamer Werkstätten und durch Unterstützung der damaligen Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die Berliner Kultureinrichtungen in alleinige Trägerschaft des Bundes übernahm, hatte ich 2004 die Schließung der Deutschen Oper verhindern können. Der Geldsegen des Bundes gebar dann 2007 die Idee des neuen modernen Opernsaals, wie wir ihn in Berlin in der Deutschen Oper schon haben und wie er dennoch mit einem Wettbewerb durchgesetzt werden sollte. Zum Hauptunterstützer des Siegerentwurfs gehörte natürlich der Generalmusikdirektor der Staatsoper, Daniel Barenboim. In einem von Friedrich Dieckmann, Harald Müller und mir herausgegebenen Theater der Zeit-Sonderheft (7/2008) hatten wir auf die Alternative hingewiesen: „Sanieren oder demolieren?“ Die Anhänger der modernen Zentraloper hatten das Bündnis der Freunde der Nachkriegsmoderne (Richard Paulicks historisierender Rekonstruktion des friderizianischen Rokoko ebenso wie Fritz Bornemanns kongenialer West-Berliner Theaterbauten) mit den Freunden Preußens jedoch unterschätzt. Statt aber das Bedarfsprogramm nun am bestehenden, denkmalgeschützten Gebäude zu orientieren, wurde begonnen, das Wunschprogramm im Bestand des historischen Gebäudes umzusetzen. Und diesem Bestand wird seitdem unter Verletzung denkmalpflegerischer Vorgaben fahrlässig zugesetzt.

Immerhin übernahm Klaus Wowereit im Untersuchungsausschuss die Verantwortung für die Anhebung der Decke um vier Meter. Wer aber zeigt sich verantwortlich dafür, dass in der Staatsoper nun eine Kreuzbühne eingebaut wird, die die Hauptbühne durch zwei gleich große Neben- und eine ebenso große Hinterbühne ergänzt, wodurch mehrere aufgebaute Bühnenbilder für das Repertoire im Hauptgebäude statt im benachbarten Magazin gelagert werden können. (Bei einem Neubau sicher wünschenswert.) Dafür wird schon einmal die Rückwand des ehrwürdigen Gebäudes um einige Meter verrückt. Hat es vielleicht damit zu tun, dass im Magazingebäude, das von Richard Paulick zur Lagerung der Dekorationen errichtet worden war, kein Platz mehr ist, da dort die Barenboim-Said Akademie, eine private Musikhochschule, die sich – politisch hoch anerkennenswert – an Stipendiaten aus dem Nahen Osten richtet, einziehen wird und für die ein Konzertsaal mit 622 Plätze in Planung ist? Der Bund bezuschusst diese Baumaßnahme mit 20 Millionen Euro. Wozu aber braucht es, wenn im Magazin gar keine Dekorationen mehr gelagert werden können, da noch den Tunnel („Unterirdisches Bauwerk/UBW“) zwischen Magazin und Oper, der früher ein bloßer Durchgang war? Müssen vielleicht auch im UBW die Dekorationen gelagert werden, die früher im Magazin Platz hatten?

So erstrebenswert die Ziele sind, welche die Barenboim-Said Akademie verfolgt, scheint doch gerade aus der räumlichen Verbindung mit der Staatsoper eine Gemengelage entstanden zu sein, die nie zusammenfassend in ihren Konsequenzen erörtert wurde und die nun niemand verantworten möchte. – Kultur- und Bauschaffende Berlins, vorwärts zum 3. Oktober 2017! //

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