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Die Geburt des Theaters aus Dreck und Schlamm

Das Haupthaus eine Baustelle, Fertigstellung ungewiss: Wilfried Schulz muss zu Beginn seiner Intendanz am Düsseldorfer Schauspielhaus improvisieren – und erobert sich so die Stadt

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Ein Gründungsmythos? Oder die Geschichte zweier Jungs, die Abenteuer suchen? – Christian Erdmann und André Kaczmarczyk in "Gilgamesh". Foto Thomas Rabsch
Ein Gründungsmythos? Oder die Geschichte zweier Jungs, die Abenteuer suchen? – Christian Erdmann und André Kaczmarczyk in "Gilgamesh". Foto Thomas Rabsch

Ein rothaariges 14-jähriges Mädchen betritt die Bühne, allein. Sie heißt Svea und beginnt sogleich, sich zu entschuldigen. Sie hätte so gern die Hermia gespielt, sagt sie ein wenig stockend, nun aber werde der „Sommernachtstraum“ aus Sicht der Bäume gespielt – „eher performativ“ –, und bevor alle enttäuscht seien, möchte sie sich entschuldigen, besonders bei ihren Eltern. „Sorry, Mama. Nein: Entschuldigung“, sagt Svea. Und geht ab, einen langen Weg über die Bühne im Central bis zu einer Tür, die sich hinter ihr schließt.

Sich zu entschuldigen für etwas, das man bietet, ist ungewöhnlich, passt aber zu einer Situation, bei der vieles auf Improvisation beruht, wie jetzt der Start der Intendanz von Wilfried Schulz am Düsseldorfer Schauspielhaus, das als solches gar nicht zur Verfügung steht. Das 1970 eröffnete Haus am Hofgarten wird (wieder einmal) renoviert und ist überhaupt Teil einer Großbaustelle, noch zwei Jahre lang. Das Ausweichquartier Central, eigentlich ein Probenzentrum in einer ehemaligen Paketpost, trägt diesen Namen, weil es vermeintlich „zentral“ liegt, allerdings da, wo Düsseldorf am wenigsten düsseldörflich ist, in der Nähe des nur mäßig imposanten Hauptbahnhofs, am sprichwörtlich unaufgeräumten Worringer Platz. Das wirkliche Zentrum der Stadt ist bekanntlich die Königsallee. An deren Spitze, gar nicht so weit vom Schauspielhaus entfernt, hat Wilfried Schulz ein weißes Zirkuszelt aufschlagen lassen, für zwei Produktionen: „Gilgamesh“, das älteste überlieferte Epos überhaupt, und „In 80 Tagen um die Welt“, nach dem Roman von Jules Verne.

„Die Zeltproduktionen werden gefeiert“, vermeldet der Intendant im Gespräch auf der Brücke, einer weithin sichtbaren, gläsernen Fußgängerüberführung, die sich als Foyer für das Central etabliert hat. „Das ist etwas Neues, das hat es in dieser Form noch nicht gegeben, das ist beeindruckend, und die Stadt rechnet es uns hoch an, dass wir hier die Schultern breitmachen.“ Hier hört man Stolz heraus und einen gewissen Überdruss an der elenden Pflicht, sich für alle möglichen Provisorien entschuldigen zu müssen, für die man schließlich nichts kann. Vor einem Dreivierteljahr wusste Schulz noch nicht, dass er kein fertiges Haus würde übernehmen können, und er hat ernsthaft erwogen, seinen Vertrag zurückzugeben. Jetzt aber, erklärt er, nimmt er den Kampf auf.

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