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Was für eine Welt!

Der steirische herbst in Graz arbeitet an neuen kulturellen Kartografien

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„What / a / world!“ Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich mich in die Neue Galerie Graz zurückversetze. Am Ende der musikalischen Führung „Mikrokosmos“ von vier Sängerinnen und Sängern durch Räume des Museums (Landschaftsmalerei, Naturidyllen, Orientalismus, Impressionismus aus den Jahren 1800–1950) stehen sich Starr Busby und Jonathan Hoard im lichtdurchfluteten Vorraum gegenüber und arbeiten sich stimmlich an dieser Phrase ab. Es ist eine Referenz auf Louis Armstrongs Song, nur ist das Wundervolle abhandengekommen. Mal wird dem Klang der einzelnen Silben ganz sanft nachgelauscht, mal wird er mit aller Kraft aus ihren Körpern herausgepresst; mal im Stimmduell, mal im Einklang. Busbys und Hoards körperliche Verausgabung transportiert alle Zwischennuancen von Euphorie bis Entsetzen. Diese Zerrissenheit resoniert mit dem Mikrokosmos der Institution Museum und mit jedem einzelnen, Bild gewordenen Mikrokosmos im Gang der Ausstellung. Was ist das für eine Welt? Es ist nicht zuletzt die hegemoniale, weiße, westliche Welt des Kolonialismus, die uns die vier schwarzen Sängerinnen und Sänger aus den USA mit ihren zwischen Blues und Gospel changierenden, Klang gewordenen, alternativen Bildbeschreibungen im ansonsten stillen Kunsttempel als eine befremdliche gegenüberstellen.

Foto Martin Photography
Foto Martin Photography

Damit trifft diese Performance, die mit Abstand zu den besten und nachhaltigsten des Eröffnungswochenendes des diesjährigen Festivals steirischer herbst gehört, thematisch nicht nur einen wunden Punkt, sondern auch den programmatischen des Festivals: „Wir schaffen das. Über die Verschiebung kultureller Kartografien“. In ihrer Eröffnungsrede reiht sich die Festivalleiterin Veronica Kaup-Hasler in die Reihen derer ein, die angesichts kriselnder Demokratien, grassierender Xenophobie und einem schwachen, sich zunehmend spaltenden Europa die Bedeutung von Kunst und Kultur stärken. Während sich die Öffentlichkeit in eindimensionalen und polarisierenden Debatten verheddere, sei nun der Raum der Kunst als Ort der Paradoxien, des vielschichtigen Denkens und Empfindens wichtiger denn je. Etwas misslich, dass sie ihre Rede damit beschließt, die Festivalpremiere, Philippe Quesnes „Die Nacht der Maulwürfe“, vorweg zu deuten und ihr damit ihre Poesie und Wirkung nimmt. Das größere Ärgernis ist jedoch die Performance „Forever“ von Mitgliedern der Needcompany. Wie Maarten Seghers pathosschwanger einen genialischen, der Melancholie verfallenen Sänger mimt, der den letzten Satz aus Gustav Mahlers „Das Lied von der Erde“ anstimmt, ist kaum zu ertragen. Zwei Tänzerinnen gebärden sich dazu stark sexualisiert als Vögelchen (und Stellvertreterinnen der ewigen Natur als Gegenstück zum sterbenden Menschen) und becircen ihren Maestro. Im Hintergrund verweist ein Bühnenbild aus Porzellan auf die Zerbrechlichkeit des menschlichen Daseins. Überästhetisiert-entrückter und unpolitischer geht es kaum. So schaffen wir das nicht.

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