Protagonisten

Und Marx macht die Bar

Unter dem neuen Intendanten Florian Lutz wird die Oper Halle zum Totaltheater

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„Das Meer an sich ist weniger“, schreibt der Schriftsteller Peter Wawerzinek. Erst im Bunde mit dem Wind wird ein Meer aus dem Meer. Ein frischer muss es sein, wenn es etwa nach Börsenkrach stinkt. Doch geht das mitunter auch nach hinten los. Dann fegt dieser Wind haltlos umher, spült Schiffe, Menschen, Tote an Land. Und wir hier im Dunkeln starren blind vor uns hin, hören den Sturm und können doch nichts tun. Plötzlich dann Licht. Sekunden der Konfusion. Was jetzt? Wohin, wenn überall Bühnenbild steht? Die einen treibt es zur Seite, die anderen nach vorn. Momente, in denen man denkt, dieses Chaos sortiert sich nie.

Foto: Falk Wenzel
Foto: Falk Wenzel

Heterotopia heißt die Installation des Bühnenbildners Sebastian Hannak in der Oper Halle, eine wild wuchernde Konstruktion, die den ganzen Raum einnimmt. Und das ist wörtlich zu verstehen, denn vom roten Plüsch des Zuschauersaals hat das neue Leitungsteam unter Intendant Florian Lutz kaum etwas übrig gelassen. Eine Ansage als Absage dessen, was vorher hier stattfand: Oper, wie sie gemeinhin üblich ist. Stattdessen gibt es jetzt Theater total, in einem Raum, in dem sich Drinnen und Draußen überlagern. Im Bühnenhintergrund erhebt sich ein zweistöckiges Haus in die Höhe mit Bar, Wohn- und Badezimmer, die linke Seitenbühne und der Zuschauerraum sind mit weißen Holzstufen verkleidet, als zitierten sie das Atrium eines modernen Bürokomplexes, rechts stehen ein Maschendrahtzaun, ein Ford-Transit und Gerüste herum. „Heterotopien“, heißt es bei Michel Foucault, der hier unschwer als Namensgeber auszumachen ist, sind „Orte außerhalb aller Orte, (…) tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind.“

Neun Premieren werden in dieser „MusikTheaterStadt“ gezeigt, die Zuschauer sitzen jedes Mal woanders oder müssen sich, wie im „Fliegenden Holländer“, der Eröffnungsinszenierung von Florian Lutz, ihre Plätze erst suchen. Den Kritikerkollegen Helmut Schödel hat es dabei nach der stürmischen Ouvertüre auf dunkler Bühne an den linken Rand der Rampe gespült, dank eines leuchtend gelben Bauarbeiterhelms ist er nicht zu übersehen. Wer Schödel kennt, der weiß: Wo Schödel ist, da ist was los. Und erlebt hat dieser Theaterwahnsinnige schon so einiges. Castorfs Arbeiten von seiner ersten Regie in München bis heute etwa, zwischendurch saß er mit Christoph Schlingensief im Container in Wien.

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