Kommentar

Katzenjammer

Über das vorzeitige Ende von Armin Petras’ Intendanz am Schauspiel Stuttgart

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Sein Start 2013 kam beim Publikum gut an, zwei Einladungen zum Berliner Theatertreffen bestätigten den Erfolg auch bei der Kritik. Unlängst verlängerte er sogar vorzeitig seinen Vertrag bis 2021: Für Armin Petras, Intendant am Schauspiel Stuttgart, schien alles glänzend zu laufen. Trotzdem hat er es sich nun anders überlegt. 2018 soll bereits Schluss sein, Petras gibt dafür „persönliche und familiäre Gründe“ an. Tatsächlich wurde er von einem Teil der örtlichen Kritik schon seit längerem heftig attackiert: Der Intendant, hieß es da, trete in Wirklichkeit wegen schlechter Zuschauerzahlen den Rückzug an. „Armin Petras gibt auf“, suggerierte eine Schlagzeile in rauem Tonfall – was schon fast nach Treibjagd klingt. Was ist los in Stuttgart?

Foto: Fabian Schellhorn
Foto: Fabian Schellhorn

Sinkende Besucherzahlen, künstlerische Durchhänger und zu viel importiertes hippes Berliner Performance-Theater – vor allem auf diese Punkte berufen sich die Petras-Kritiker. In der Tat, der Verlust von rund 30 000 Zuschauern und eine von 87 auf 74 Prozent abgesackte Auslastung (2015/16) sind deutliche Warnsignale. Doch Vorsicht: Ein Intendant muss den Freiraum haben, zeitweise auch gegen Teile des Publikums und der Kritik arbeiten zu können. Und im Umkehrschluss ist bekanntlich nicht alles, was Massenzustrom erbringt, künstlerisch allererste Sahne. Dennoch, Petras hätte schneller gegensteuern müssen. Doch wegen der fälligen „Nachsanierung“ des Schauspielhauses (und der deshalb verkürzten Saison) konnte er bei weitem nicht so viel spielen, wie er wollte.

Dann die künstlerischen Durchhänger. Sicher gab es die. „Antigone“ (Regie Laurent Chétouane), „Der Idiot“ (Regie Martin Laberenz) – beides unsäglich zerdehnt. Ein umbesetzungsbedingt enttäuschender „Richard III.“. Doch dagegen steht viel Gelungenes. Petras lässt Stuttgart überregional wieder leuchten und verpflichtet Leute wie Frank Castorf oder Sebastian Hartmann. Und er hat junge Regisseure gegen Widerstände durchgeboxt: Robert Borgmann etwa und Christopher Rüping. Just diese beiden schafften es zum Berliner Theatertreffen. Auch Einladungen zu den Wiener Festwochen und Mülheimer Theatertagen sowie Kritikerpreise für Ensemble-Schauspieler sprechen für Petras.

Ein weiterer Kritikpunkt: Dem Stuttgarter Publikum, monieren manche in provinzieller Abwehrhaltung, habe Petras zu viel Berliner Nischen-Theater im Gorki-Style übergestülpt. Doch wahr ist, dass Petras immer auch regionale Themen bringt: „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff etwa, als bilderreiche Inszenierung, die experimentelle Passagen mit schrägem Folklore-Charme verbindet. Oder, eine Pioniertat, die Wiederentdeckung des Umweltromans „Pfisters Mühle“ von Wilhelm Raabe mit Bezügen zur Region.

Und alle, die in Stuttgart gar Parallelen zu Matthias Lilienthals Krise an den Münchner Kammerspielen vermuten, seien daran erinnert: Petras zeigt – neben ungewöhnlicher Ästhetik und regionalen Akzenten – auch schwer beliebtes Schauspielertheater, „Szenen einer Ehe“ und „Herbstsonate“ sind Quotenbringer. Vom starken Ensemble ganz zu schweigen – von Peter Kurth bis Katharina Knap, von Edgar Selge bis Astrid Meyerfeldt.

Mag sein, dass sich Petras, der Workaholic, als Intendant, Regisseur und Autor (Pseudonym Fritz Kater) zu verzetteln droht. Herrscht also in Stuttgart „Katerstimmung“, wie manche Kritiker wortspielend argwöhnen? Bei denen, die Petras groß als Heilsbringer bejubelt haben, vielleicht. Bei den anderen nicht.

Denn alles in allem: So schlecht ist Petras‘ Bilanz nicht. Vorgänger Hasko Weber hat in der Ära hitziger Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 klar politisches Theater gemacht – unter dem Emblem der erhobenen Faust. Die Spielplan-Handschrift von Armin Petras wirkt weniger direkt politisch, dafür leichter, schillernder, fantasiereicher. Und wer weiß, vielleicht ist dies eine angemessenere Reaktion auf wachsende Komplexität und neue Unübersichtlichkeiten. Passend zum großen Dilemma: Der Ministerpräsident bleibt grün, und der Bahnhof wird trotzdem gebaut. In Stuttgart scheint sogar die Politik unaufgeregter zu sein als ein Teil der Kritiker – sie lobte Petras als „künstlerischen Unruheherd“. Jetzt hört der Intendant doch früher als geplant auf. Schade drum. Bescheidwisser sehen Petras bereits als Dercon-Alternative an der Volksbühne Berlin. Oder verplanen ihn ans Hamburger Thalia Theater.

Vielleicht sucht er einen anderen Weg. In Stuttgart hat er jetzt erstmals eine Operette inszeniert: Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ samt „Höllen-Cancan“. Dort droht eine Figur namens „Die öffentliche Meinung“ wie folgt: „Ich gehe, doch bin ich plötzlich wieder da, wenn ich was Tadelnswertes sehe.“ Das dürfte ihm bekannt vorkommen. Petras dazu: „Wenn richtig und falsch sich aber nicht mehr ohne Weiteres auseinanderhalten lassen, entstehen Zweifel, und auch die öffentliche Meinung gerät in Konfusion.“

Was bleibt? Petras hat in Stuttgart vieles erreicht. Und bei den Zuschauerzahlen scheint er endlich wieder Boden gutzumachen. Als Schaffer-Typ, der gut ins Schwäbische passt, wird er die Zeit bis zum Abschied 2018 nutzen. Die berühmte „zweite Luft“ wäre ihm zu wünschen. Und dass er genau das bleibt, was Veränderung verspricht: ein Unruheherd. //

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