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Warum die Diskussion „Schauspielertheater versus Performance“ falsche Fronten schafft

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Der Regisseur Jan Philipp Gloger arbeitet ab der Spielzeit 2018/19 als Schauspieldirektor am Staatstheater Nürnberg. Die Diskussion um die Kammerspiele im rund 150 Kilometer entfernten München verfolgt er mit Interesse – aber auch Skepsis. Die Frontenbildung zwischen Schauspielertheater und Performance sei für ihn nicht relevant, sagt er. Er selbst hat u.a. Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen studiert, assistierte bei Rimini Protokoll, arbeitete bei Dieter Dorn am Bayerischen Staatsschauspiel, inszenierte in Bayreuth und brachte am 14. Januar dieses Jahres mit der Uraufführung von „Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)“ in Düsseldorf zum dritten Mal einen Text von Elfriede Jelinek auf die Bühne.

Virtuose Verbindung von Spiel und Verweigerung von Spiel – Elfriede Jelineks „Wut“ an den Münchner Kammerspielen in der Inszenierung von Nicolas Stemann. Foto Thomas Aurin
Virtuose Verbindung von Spiel und Verweigerung von Spiel – Elfriede Jelineks „Wut“ an den Münchner Kammerspielen in der Inszenierung von Nicolas Stemann. Foto Thomas Aurin

Die Diskussion um die Kammerspiele finde ich da richtig, wo sie zu einer Diskussion um die Aufgabe und Zukunft des Stadttheaters in einer sich wandelnden Stadtgesellschaft führt. Darüber muss man sprechen! Da, wo sie Performance-Kunst und Schauspielertheater gegeneinander ausspielt, interessiert sie mich nicht.

Für mich war es überhaupt kein Widerspruch, bei Heiner Goebbels zu studieren und bei Dieter Dorn die erste Inszenierung zu machen. Meine Generation ist ja mit einem breiten Spektrum an Theaterformen groß geworden, mit René Pollesch und Rimini Protokoll neben Michael Thalheimer und Andreas Kriegenburg, und ich würde mich mit meinen Freunden niemals ernsthaft über das Thema Schauspielertheater versus performative Künste streiten.

Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens, dass so etwas wie eine friedliche Koexistenz der unterschiedlichsten Theaterformen, in der nicht die eine oder andere im Sinne von „das gibt es ja auch noch“ marginalisiert wird, tatsächlich vorstellbar geworden ist. Zweitens, dass längst eine produktive wechselseitige Nutzbarmachung der Strategien der jeweils anderen Theaterkunstform stattgefunden hat – gerade unter jüngeren Theatermachern. Jan-Christoph Gockel, der Hausregisseur in Mainz ist, arbeitet mit Schauspielern, interessiert sich dabei aber auch für ihre Erfahrungen und Beobachtungen als Menschen, reist mit ihnen in Krisengebiete, recherchiert und kreiert ein Theater zwischen dokumentarischem und figurativ-narrativem Ansatz. Boris Nikitin, mit dem zusammen ich in Gießen meine ersten Studentenprojekte gemacht habe, könnte in seinen Arbeiten wie „Hamlet“ oder „Sei nicht Du selbst“ die Vorgänge von Schauspiel und Verkörperung ja nicht untersuchen, wenn er sie nicht auch benutzen würde.

Für mich als Theatermacher ist eine Durchdringung von identifikatorischem Spielen einerseits und performativen Elementen andererseits sogar so etwas wie der Kern meiner Arbeit. Wenn Performativität als Selbst-Darstellung, als Hervortreten des Menschen ohne Rolle beschrieben wird, dann ist sie etwas, was ich in jeder Arbeit suche: Die Verstärkung des Momentes, in dem mir bewusst ist, vor mir steht nicht Hamlet, sondern Joachim Meyerhoff. Ich sehe das Potenzial des Theaters durchaus darin, mich emotional zu packen, mich in eine Geschichte hineinzuziehen, mich mitfühlen zu lassen, aber auch darin, mir gleichzeitig zu zeigen, dass da gerade etwas mit mir gemacht wird und wie. Die Strategien der Gefühlsherstellung also nicht zu verschleiern, sondern sie auszustellen. Ich möchte mit Hamlet mitfühlen dürfen und mich gleichzeitig wieder davon distanzieren können. Und ich möchte mich und die Mittel, mit denen ich zum Mitfühlen gebracht wurde, beobachten und befragen können. In dieser Qualität kann Theater das, was die performativen Künste gerne als ihr ureigenstes Potenzial beschreiben, nämlich so etwas wie eine Schule der Wahrnehmung sein – und zwar ohne Identifikation, Mitfühlen, Verwandlung zu verhindern. Ganz im Gegenteil: Es ist viel eher darauf angewiesen. Wenn ich mich nirgendwo reinziehen lasse, kann ich dazu in keine Reibung geraten. Was aber essenziell ist.

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