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Einheizen

In Dresden wurde mit dem Kraftwerk Mitte ein einzigartiger Spielstättenkomplex eröffnet

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Vier Theatersäle und insgesamt acht funktionsbezogene Probebühnen auf 35 000 Quadratmetern Grundfläche – Das neue Kraftwerk Mitte in Dresden. Visualisierung: renderwerke
Vier Theatersäle und insgesamt acht funktionsbezogene Probebühnen auf 35 000 Quadratmetern Grundfläche – Das neue Kraftwerk Mitte in Dresden. Visualisierung: renderwerke

Keine Übertreibung: Mit dem am 16. Dezember 2016 eingeweihten Kraftwerk Mitte im Dresdener Stadtzentrum wurde ein Theaterbau eröffnet, der in Deutschland neue Maßstäbe setzt. Allein dass die nur zweieinhalbjährige Bauzeit für den vom Architekten Jörg Friedrich entworfenen Um- und Anbau des 1994 stillgelegten Kohlekraftwerks aus der Gründerzeit exakt eingehalten und das geplante Budget von 100 Millionen Euro nicht überzogen wurde, ist ja heutzutage bei solchen Projekten schon ein Wunder. Geradezu fantastisch ist das Ergebnis: Vier Theatersäle und insgesamt acht funktionsbezogene Probebühnen sind auf 35 000 Quadratmetern Grundfläche entstanden, mit bester Technik auf dem neuesten Stand und drei großzügigen Bühnentürmen. Während ein Großteil der Pressewelt auf die Hamburger Elbphilharmonie fixiert blieb, war ein paar Hundert Kilometer flussaufwärts ein zweites Prunkstück neuer Kulturbaukunst zu bewundern.

Die Stadt hat eine Sehenswürdigkeit mehr.

Das Kraftwerk Mitte führt die Sächsische Staatsoperette und das Theater der Jungen Generation zusammen. Die beiden besonders bei den Dresdnern sehr beliebten Theater, beides (Neu)Gründungen nach dem Zweiten Weltkrieg, waren bislang am Stadtrand zu Hause, vor allem wegen der enormen Kriegsschäden im Stadtzentrum. Die Operette spielte in einem Gasthaus in Leuben, das Kinder- und Jugendtheater in einem Dauerprovisorium in Cotta, das Puppentheater in dem berühmten Rundkino in der Innenstadt. Jetzt befinden sie sich in der Nachbarschaft von Semperoper und Staatsschauspiel – und verleihen dem überregional nur noch als Pegida-Aufmarschort wahrgenommenen Stadtzentrum noch mehr Gewicht und einen für das barocke Dresden eher ungewohnten Glanz. Der Ziegelsteinbau aus dem Industriezeitalter ist bereits aus dem einfahrenden Zug heraus gut zu sehen. Die Stadt hat eine Sehenswürdigkeit mehr.

Der Operettensaal mit siebenhundert Plätzen besticht durch eine ungewöhnlich weit nach hinten ausgreifende Bühne, der Zuschauerraum ist trotz eines breiten Orchestergrabens auf größter Nähe gebaut. Das erlaubt dem bundesweit wohl einzigen Operettentheater im Subventionsbetrieb einen experimentelleren Umgang mit dem vermeintlich angestaubten, aber nach wie vor beliebten Genre. Das Theater der Jungen Generation kann unter der Leitung von Felicitas Loewe noch größere Sprünge machen, was das Ausloten und die Neubestimmung von Formaten angeht. Zur Eröffnung zeigte Ulrich Hub mit seinem eigens dafür geschriebenen und von ihm selbst inszenierten Stück „Rübe“, dass Theater für die Kleinen hier auch ganz groß geht, sozusagen im Breitwandformat. Nach dem Motiv des russischen Märchens vom wundersam wachsenden und von keinem einzelnen Menschen mehr zu erntenden Rübchens hat Hub eine Parabel über die brüchige, doch eben notwendige Gemeinschaft entwickelt. Im Bühnenbild von Grit Dora von Zeschau wächst das Gemüse hinter einem zerfledderten Wohnambiente effektvoll zur Weltzerstörungsrübe, ein science-fiction-mäßiges Bedrohungsszenario, in dem dann doch alles einvernehmlich und solidarisch verhandelt werden darf. Für Hub nicht der größte Wurf, aber als Eröffnungsinszenierung ein gutes Format auf der großen Bühne.

Als Studiobühne, besser Studioraum, gibt es den Generator, einen fast klaustrophobisch wirkenden Nachbau der Schaltzentrale des einstigen Kraftwerks, den von Zeschau als unbestuhlten Spielort entworfen hat. Die grünen, einst von Messuhren und dergleichen bestückten Paneele der prädigitalen Industrieregie hat sie dabei erhalten. Der israelische Puppenspieler Ariel Doron inszenierte hier mit „Besuchszeit vorbei“ ein meta-theatrales und dabei unter die Haut gehendes Puppenmassaker der unheimlichsten Art. So etwas hat man seit Vegard Vinges Arbeiten im Berliner Volksbühnen-Prater nicht erlebt. Ein grandioses Grand Guignol – und eine generations- und spartenübergreifende Überraschung dieses Neustarts. Das Kraftwerk hat bereits zur Eröffnung ordentlich eingeheizt. //

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