Thema

Die Gesellschaft auf der Bühne

Zum Chortheater der polnischen Regisseurin Marta Górnicka

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Während im deutschen Theater mit den Arbeiten Einar Schleefs so etwas wie die Wiederentdeckung des Chors eingeleitet wurde, gab es in Polen lange Zeit kein vergleichbares Phänomen. Chöre blieben an die katholische Alltagskultur gebunden, Hochzeiten und Trauerfeiern vorbehalten, während sich in den Fußballstadien Männerchöre anderer Art formierten. Im Theater spielte der Chor auch dann kaum eine Rolle, wenn er eigentlich Bestandteil eines Werkes war, wie etwa in den Tragödien der Antike. Den Chor für das polnische Theater der Gegenwart wiederzuentdecken, seine Funktionen zu untersuchen und neu zu bestimmen, das blieb eine große Aufgabe.

Theatral-muskalischer Sprechakt einer in sich kontroversen Gemeinschaft – Marta Górnickas „M(other) Courage“. Foto Volker Beinhorn
Theatral-muskalischer Sprechakt einer in sich kontroversen Gemeinschaft – Marta Górnickas „M(other) Courage“. Foto Volker Beinhorn

Marta Górnicka begann ab 2009 ihre systematische Arbeit an einem eigenen Chortheater. Górnicka studierte Gesang an der Warschauer Musikhochschule „Frédéric Chopin“ und Regie in Warschau und Krakau. Diese Kombination ist grundlegend für die Entwicklung ihres Chorkonzepts von der Musik her, nicht als eine spezielle Ausformung des Sprechtheaters. Bezeichnenderweise fanden die Anfänge dieser Entwicklung auch nicht in einem Theater ihren Ort, sondern im nationalen Theaterinstitut in Warschau. Das Theaterinstitut ist eine Kombination aus Dokumentationszentrum, Verlag, Wissenschaftsforum und Veranstaltungsort – und produzierte in diesem Fall auch die erste große Arbeit Górnickas, die zunächst in den Räumen des nach Zbigniew Raszewski benannten Instituts im Ujazdów-Park gezeigt wurde.

Als im Juni 2010 der Chór Korbiet (Frauenchor) in Erscheinung trat, war das für das polnische Theater eine Sensation. 25 Frauen verschiedenen Alters und verschiedenster Erscheinung (in Alltagskleidung und augenscheinlich keine Schauspielerinnen) sprechen chorisch über Kochrezepte, um dann zu Michel Foucault und Simone de Beauvoir zu gelangen und schließlich einen Begriff aus „Antigone“ als Zentrum des Ganzen aufzufächern: metoikia bezeichnet die freie, aber fremde Frau in der Polis, gleichzeitig daran erinnernd, dass der antike Chor Männern vorbehalten blieb. Mit „Hier spricht der Chor“ (2012) war der Frauenchor mit feministischen Bezügen zwischen ferner Vergangenheit und Gegenwart ausgestattet, die Stoßrichtung war freilich das unmittelbare Jetzt der vielfach aus den Kampfzonen des Lebens verdrängten Frau – gerade in Bezug auf die Rolle der Frau in Polen. Der Arbeit am Sprechakt war bereits – wie in folgenden Inszenierungen Górnickas – das Erreichen von Grenzbereichen eigen: Flüstern, Atmen, Röcheln, Verstummen. Dazu eine ausgefeilte Choreografie, die in den wechselnden Formationen die Individualität der Choristinnen zuließ, oft sogar hervorhob – bis sie in bestimmten Momenten regungslos auf den Boden sinken. Am intensivsten war jedoch ein solcher Abend zu erleben – und dann auch weitgehend zu verstehen –, wenn man unmittelbar hinter oder neben Marta Górnicka saß. Als körperlich mitagierende Dirigentin und Chorleiterin mitten im Publikum, die sich schon von den Eselsohren her zusammenrollende Sprechpartitur vor sich, das Publikum gleichsam auf ihren Chor zutreibend – oder diesen an sich heranziehend. Mit dem Chór Korbiet war der Chor fürs polnische Theater neu erfunden, mit großer Wirkung. Górnicka sagte später, sie habe „eine Leiche reanimiert“, und das Theaterinstitut schickte diese Arbeit um die Welt. Die Erfahrungen waren durchaus widersprüchlich, zwischen enthusiastisch aufgenommenen Gastspielen in Israel/Palästina und den USA und teils heftiger Ablehnung in Polen selbst.

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