Protagonisten

Jenseits der Komfortzone

Das Theater Altenburg-Gera kämpft für Vielfalt – und gegen die Fremdenfeindlichkeit in den thüringischen Städten

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Ende des vergangenen Jahres rückte die ehemalige Residenzstadt Altenburg in den Fokus der Öffentlichkeit. Ausschlaggebend dafür waren die Kündigungen an dem mit Gera fusionierten Landestheater. Vier Ensemblemitglieder verschiedenster Nationalitäten hatten sich entschlossen, ihre Verträge nicht zu verlängern. Sie werden das Theater Altenburg-Gera mit Ende der Spielzeit 2016/17 verlassen. Die Leipziger Volkszeitung berichtete von „rassistischen Anfeindungen“, ausländische Künstler stießen im Alltag auf „Ablehnungen, Vorbehalte und Aggressionen“. In einem offenen Brief der Geschäftsleitung der Theater und Philharmonie Thüringen GmbH hieß es, dass eine Toleranzgrenze überschritten sei.

Internationales Schauspielensemble in Ostthüringen – „Die Frauen von Troja“ (Regie Bernhard Stengele) am Theater Altenburg-Gera. Foto Stephan Walzl
Internationales Schauspielensemble in Ostthüringen – „Die Frauen von Troja“ (Regie Bernhard Stengele) am Theater Altenburg-Gera. Foto Stephan Walzl

In Altenburg scheint sich das Klischee der tristen Kleinstadt auf den ersten Blick zu bewahrheiten. Die Stadt verlor nach der Wende mehr als ein Drittel ihrer Bewohner. Neuzugänge sind eher eine Ausnahme, die Stadt hat für junge Menschen wenig zu bieten. Auf den schmalen Straßen fahren tiefergelegte Autos, in der Altstadt findet ein schlecht besuchter Wochenmarkt statt, am Bahnhof hängen ein paar Dorfpunks rum. Am Fuße des Schlosses inmitten leer stehender Geschäftsruinen befindet sich das Theater.

„Herzlich willkommen im internationalen Theater Altenburg!“, grüßt Schauspieldirektor Bernhard Stengele, der mit dem Ende der Spielzeit 2016/17 nach fünf Jahren Amtszeit das Haus ebenfalls verlassen wird. Was schade ist, entwickelte sich das Theater unter seiner Mitarbeit doch zu einem Ort, an dem Menschen beschäftigt sind, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, gesellschaftliche Veränderungen in ihren Spielplänen aufzugreifen und Kontakte in andere Länder zu suchen. Das sogenannte Altenburger Bürgerforum, eine lokale Variante von Pegida, rief auf einer ihrer Kundgebungen zum Boykott des Theaters auf. Die Aktionen und Inszenierungen des Hauses seien zu „flüchtlingsfreundlich“. Gemeinsam mit seinem designierten Nachfolger Manuel Kressin, der seit acht Jahren als Schauspieler und Autor am Haus tätig ist, zieht Stengele Bilanz seiner Arbeit in Altenburg und Gera.

So reiste der Schauspielchef mit seinem Team nach Lampedusa und recherchierte vor Ort über die Situation der aus Afrika geflüchteten Menschen – in Kooperation mit dem Carrefour International du Théâtre de Ouagadougou in Burkina Faso. Es ging dabei vor allem um jene Flüchtlinge, die sich mit ihren Booten über das Mittelmeer auf den Weg nach Europa machten und dabei ums Leben kamen. Aus diesen Recherchen entstand das Stück „Die Schutzlosen. Les Zéros-Morts“. Die 2014 in Altenburg uraufgeführte Inszenierung ist eine aktualisierte Textfassung nach Aischylos’ derzeit prominentester Tragödie „Die Schutzflehenden“. Das Stück sorgte für großes Aufsehen und wurde zwei Spielzeiten lang gezeigt. Im zweiten Jahr veränderte sich die Situation, die öffentliche Anteilnahme am Tod der ertrunkenen Menschen nahm ab. Um auf die sich rasant verschlechternde Situation von Geflüchteten in Deutschland hinzuweisen, aktualisierte Stengele die Inszenierung und gab ihr den Titel „Die Schutzlosen 2015“. Dieses Vorgehen ist für einen deutschen Stadttheaterbetrieb höchst ungewöhnlich und gleichzeitig eindrucksvoll. Für den Schauspieldirektor sind die Aktualität der Ereignisse und das Gespräch darüber sehr wichtig: Vor jeder Aufführung gab es Impulsreferate von Experten und im Anschluss intensive Publikumsgespräche. In Zeiten, in denen offen gelebte rassistische Ressentiments und die ungeheure Angst vor dem Fremden zum Lebensalltag in ostdeutschen Kleinstädten gehören, beginnt sich das Theater selbst zu befragen. Funktionen werden neu verhandelt, Spielpläne angepasst, und die kritische Frage wird gestellt, welchen Beitrag Kunst leisten kann, wen sie vertritt und ob sie überhaupt Antworten geben muss.

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