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Ausweitung der Kunstzone

Das Theater Thikwa in Berlin wird 25

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Eines Morgens sah ich in der U-Bahn einen Mann in einem Bademantel. Mit bewundernswerter Präsenz stand er in einem Waggon der Linie U1 und nahm von den Umstehenden keinerlei Notiz, diese von ihm dafür umso mehr. Als wir auf halber Strecke zwischen Görlitzer Bahnhof und Kottbusser Tor waren, rief er plötzlich mit sonorer Stimme durch den Waggon: „Kottbusser Tor, Übergang zur U8.“ Dit is also Berlin, dachte ich im Stillen, ohne zu ahnen, dass ich soeben zur Komplizin einer im Entstehen befindlichen Utopie geworden war. Denn, klar, Utopien – wer hat die heute schon noch?

Verständigung in unverständigen Zeiten – „Schweigen Impossible“ mit André Nittel (vorn) und Gerd Hartmann. Foto David Baltzer
Verständigung in unverständigen Zeiten – „Schweigen Impossible“ mit André Nittel (vorn) und Gerd Hartmann. Foto David Baltzer

„Ich“, sagt Torsten Holzapfel und windet sich durch ein Wirrwarr an Seilen, die er mit seinem Performance-Kollegen Martin Clausen im Studio des Theater Thikwa gespannt hat. „Ich habe eine Utopie: Wenn die Menschen mal vernünftig werden und das Geld nicht mehr für Vernichtung, Krieg und Waffen ausgeben, dann könnte man eine Welt-U-Bahn bauen. Die gläserne Atlantik-U-Bahn, in der alle Völker der Welt friedlich U-Bahn fahren.“ Eine erste Skizze, das Netz aus Seilen, sehen wir hier. „Ist das denn Kunst?“, fragt Martin Clausen. „Das ist unterschiedlich“, antwortet Torsten Holzapfel. Einige sehen darin nur Wäscheleinen. Andere denken, das sei Kunst.

Ich sitze Gerd Hartmann gegenüber, dem Wäscheleinen-Arrangeur des Stücks „Subway to Heaven“, der soeben aus dem Kreuzberger Untergrund zu uns rübergefahren ist. Dort, in einem Hinterhof in der Fidicinstraße, ist das Theater Thikwa zu Hause, eines der subversivsten, anarchischsten und progressivsten Theater Berlins. Das würde derart gedrechselt dort natürlich niemand sagen. Sie selbst nennen sich ein „Experiment mit behinderten und nichtbehinderten Künstlern“. Programmatische Sätze klingen hier eher so: „Soll ich einen Strich links oder einen Strich rechts im Bild anfangen? Oder von wo ganz anders, von unten, von oben, von überall.“ So entsteht im Theater Thikwa Kunst. Jenseits aller Standards, aus einer großen Freiheit heraus.

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