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Die Schutz-Fliehenden

Flüchtlingsprogramme? Refugee Art? Theaterkünstler im Berliner Exil brauchen keine Labels – sie wollen mit dem sichtbar werden, was sie auszeichnet: ihrer Kunst

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Gegen Ende ergibt sich der Autor im Exil einem Moment bedingungsloser Ratlosigkeit. „Ich habe vergessen, warum ich überhaupt hierhergekommen bin“, bekennt er. „Ich habe vergessen, warum ich aus Damaskus weggegangen bin. Ich habe vergessen, warum die Revolution angefangen hat. Ich habe vergessen, warum ich angefangen habe, dieses Theaterstück zu schreiben.“ Der Autor, das ist eine Metafigur im Stück „Deine Liebe ist Feuer“ des Syrers Mudar al Haggi. Als Alter Ego al Haggis gerät dieser Schreibende zunehmend in Konflikt mit den Charakteren, die er sich erfunden hat: Hala, Rand und Chaldoun, drei junge Leute in Damaskus, die inmitten von Kriegs- und Liebeswirren vor der Frage stehen: Should I stay or should I go? „Der Autor“ ist bereits nach Deutschland geflohen und kann ihnen aus der Distanz seines Auffanglagerlebens nicht wirklich helfen.

Foto: Jonas Fischer
Foto: Jonas Fischer

Wenn man Rafat Alzakout fragt, ob er sich mit dieser Figur identifizieren könne, entgegnet er nach kurzer Überlegung: „Auf eine Art schon.“ Und erklärt: „Normalerweise ist der Autor ein allwissender Erzähler, der gottgleiche Schöpfer. In diesem Fall ist er fragil, unsicher und verloren.“ Der syrische Theater- und Filmemacher Rafat Alzakout inszeniert das Stück seines Landsmanns Mudar al Haggi derzeit mit syrischen Schauspielern. Uraufführung ist im Mai bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Es ist die erste Theaterarbeit in Deutschland für Alzakout, der seit November 2015 in Berlin im Exil lebt. In Syrien hat sich der Künstler, der am Damaszener Konservatorium für Dramatische Künste ausgebildet wurde, vor 2011 vor allem als Regisseur von Tschechow, Molière, Albee und auch Heiner Müller einen Namen gemacht. Klassiker-Inszenierungen, mit denen er über metaphorische Umwege die Situation im eigenen Land spiegelte – und die doch regelmäßig nach ein bis zwei Wochen von den Zensurbehörden abgesetzt wurden.

Mit der verdeckt agierenden Puppentheater-Kompanie Masasit Mati erfanden Alzakout und seine Mitstreiter ab 2011 das über YouTube ausgestrahlte Satire-Format „Top Goon“, das den Diktator Assad als vertrottelte und überforderte Puppe durch die Wechselfälle der Revolution stolpern ließ (siehe auch TdZ 06/2012). „Es ging uns vor allem darum, diese Wand aus Angst zu durchbrechen, die das Regime errichtet hatte“, sagt Alzakout beim Gespräch zusammen mit seiner deutschen Produzentin Christin Lüttich in einem Café in Berlin-Prenzlauer Berg. „Lachen ist stärker als Tränen oder Wut.“ Die Mitglieder von Masasit Mati leben mittlerweile – bis auf zwei, die sich noch immer in Damaskus aufhalten – als Geflüchtete über die Welt verstreut, in Deutschland, England und den USA. „The Syrian Story“, sagt Alzakout dazu lakonisch in seinem fließenden Englisch.

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