Protagonisten

Zurück zur Kunst

Unter dem neuen Intendanten Joachim Kümmritz sucht das Volkstheater Rostock den Weg aus dem Dschungel der Kommunalpolitik

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Noch immer gibt er den Ton vor. Die Rostocker seien keine Hanseaten, sondern Hansels, sagte er bündig in einem Interview – Sewan Latchinian, von dem keiner genau weiß, ob er nun noch Intendant des Volkstheaters ist oder nicht. Trotzdem bleibt er immer gut für Pointen mit Fernwirkung. Gekündigt wurde er nun insgesamt bereits drei Mal, doch ein Gerichtsurteil erklärte diese Vorgänge bislang für ungültig. Da die Stadtoberen das Urteil empörend fanden und es so klang, als ob sie auch gleich noch den betreffenden Richter kündigen wollten, dürfte klar sein, wie die Revision ausgeht. Es wird teuer werden für die Stadt. Gut für Latchinian, schlecht fürs Volkstheater, das aus seinem ohnehin nicht üppigen Haushalt bereits Rücklagen bildet, um eine Abfindung überhaupt zahlen zu können.

Der anarchisch-heroische Arbeiter von gestern als romantische Figur im Kopf des Arbeitnehmers von heute – „Spur der Steine“ in der Regie von Albert Lang. Foto Frank Hormann
Der anarchisch-heroische Arbeiter von gestern als romantische Figur im Kopf des Arbeitnehmers von heute – „Spur der Steine“ in der Regie von Albert Lang. Foto Frank Hormann

Wie macht man Theater in einem solchen Scherbenhaufen? Bis eben war Programm, dass die Schauspielsparte zugunsten des Musiktheaters geschlossen werden soll. Doch Joachim Kümmritz, seit Anfang der Spielzeit neuer Intendant am Haus, kennt aus Schweriner Zeiten seit Jahrzehnten die Mentalität der hanseatischen „Hansels“ und vermeidet jede Eskalation, vor allem das, was an der Mannesehre etwa des Oberbürgermeisters Roland Methling rührt. Allerdings hört er manchmal schwer und lässt sich die Dinge von den Kommunalpolitikern gern so lange erklären, bis diese selbst merken, was sie da verzapft haben. Das nennt man gelassene Menschenkenntnis, und mit der sind Intendant Joachim Kümmritz und sein Schauspieldirektor Ralph Reichel in einer halben Spielzeit bereits weiter gekommen als der Stürmer und Dränger Latchinian in zwei Jahren. Deeskalieren und neues Vertrauen stiften, ganz von vorn, von unten anfangen, das ist ihr Los in diesem ersten Jahr nach Latchinian. Denn nach all den Querelen wollten die Rostocker erst einmal nichts mehr hören und sehen von ihrem Skandaltheater. Skandal? Hier machen alle nur ihre Arbeit, und das keineswegs schlecht – so die Botschaft. Der Weg zurück zur Kunst durch den Dschungel der regionalen Kulturpolitik aber ist lang und dornig.

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