Kolumne

Am Ende der Vertuschungskette?

Die 51. und letzte Sitzung des parlamentarischen NSU-Untersuchungsausschusses

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"Die Lücke - Ein Stück Keupstrasse" von Nuran David Calis am Schauspiel Köln. Foto David Baltzer
"Die Lücke - Ein Stück Keupstrasse" von Nuran David Calis am Schauspiel Köln. Foto David Baltzer

Ich bin mir beinahe sicher, einem Theater beizuwohnen, auch wenn nicht ganz klar ist, wer die Zuschauer sind. Wir hier oben auf den Zuschauerbänken oder die da unten im Saal, die die eigentlichen Akteure sind, aber seltsam beiwohnend wirken. Vielleicht spielen sie sich auch selbst was vor. Der Vorsitzende der letzten Sitzung des parlamentarischen NSU-Untersuchungsausschusses, Herr Binninger von der CDU, stellt gerade etwas onkelhafte Fragen an den Bundesanwalt, Herr Diemer, der immerhin in München Chefankläger ist. Diemer beginnt zu erzählen und flicht immer mehr Sätze ein, die Ungefähres, Undeutliches, Nicht-Feststellbares enthalten. All dieses „Ich weiß nicht“ und „Ich kann das nicht sagen“ lässt ihn bald arg verunsichert erscheinen. Allerdings kann er sich auch nicht bei seinem Chef vergewissern, wie jene Kriminalbeamten, die sich angeblich in früheren Sitzungen zu ihren Vorgesetzten umgedreht haben sollen, um zu erkennen, ob sie etwas sagen dürfen oder nicht. Diemer steht ja an der Spitze, zu blöd. Doch für spektakuläre Eröffnungen bin ich anscheinend zu spät, und das Gefühl zu spät zu sein, wird sich auch weiter durch den Nachmittag ziehen.

Die 51. und letzte Sitzung des Untersuchungsausschusses ist eine Art halböffentliches Abschlussgebet. Oben auf den Zuschauerbänken wird mir erzählt, dass auch der Prozess in München nicht mehr so viel Neues an den Tag bringt, weil es nur noch darum ginge, das anstehende Urteil revisionsfest zu machen und hauptsächlich Zeugen geladen werden, die gewisse Dinge nochmal erzählen. Das kann das Theater allerdings besser. Im Nochmal-Erzählen ist es spitze, weil es alles revisionsunfest machen und doch deutlich bleiben kann. Und es gab tatsächlich viel im Theater: Aktionen und Festivals, von den Autorentheatertagen des Deutschen Theaters bis zu den „Unentdeckten Nachbarn“ in Chemnitz im vergangenen Jahr, zahlreiche dramatische Produktionen zum NSU, von Elfriede Jelinek bis zu den Blogprojekten wie zuletzt „Nazis & Goldmund“ mit Jörg Albrecht, Thomas Köck, Gerhild Steinbuch, Thomas Arzt und Sandra Gugić. Hat das Auffliegen des NSU auch noch immer keine nachhaltige gesellschaftliche Verstörung ausgelöst, in der Kunst hat es hohe Wellen geschlagen, ja, man könnte von einer NSU-Kultur sprechen, wäre dies nicht so verdammt missverständlich. Aber mir scheint, nur wenige davon beschäftigen sich mit dem nun vier Jahre währenden Prozess, und mit dessen Selbstpetrifizierung wird sich ein noch kleinerer Teil auseinandersetzen, nein, das wäre dann wohl meine Aufgabe. Denn was ist das, wenn die Auflösung eines Falls juristisch auf sich warten lässt, wenn selbst die Deutlichkeit, dass hier systemische Vertuschung am Werk ist, langsam erkaltet und verblasst, weil sie auch nichts gebracht hat. Wenn die kleinere Öffentlichkeit des Gerichtssaals wie die größere um ihn herum bewusst von Behörden im Dunkeln gelassen wird, und wenn selbst der Diskurs darüber schon stattgefunden hat und nicht weiterhalf, bei der Korrektur, der Ahndung und Selbstkritik. Das unheimliche Versagen, dem gleichzeitig Intention unterstellt werden kann, dieses stehende Vexierbild bleibt mehr und mehr Trigger von unterschiedlichsten Verschwörungstheorien, die politisch selbst so unklar sind, dass es mich schaudern macht. Die Machtanalyse trotzdem zu unternehmen, das wird entschieden vor allem die Aufgabe von Dramatikern sein, weil ein spezifischer vibrierender Abstand geboten ist, in den ich mich erst einmal einüben muss. Mal sehen, ob und wo ich da überhaupt noch einsteigen kann, der Bogen, den ich um den NSU-Komplex gemacht habe, weil er mir wie eine Krake vorkam – zu viele Namen, Verwicklungen, Winkelzüge des Rechts – wird mir nur sehr vermittelt helfen.

In Zeiten der Terrorismuspanik erleben die Geheimdienste manch Höhenflug, ihr Gebaren und Auftreten in diesem Untersuchungsausschuss alleine sei grotesk gewesen, erzählt man mir inzwischen oben auf den Zuschauerbänken, auf denen sich lauter Politologinnen, Rechtsanwälte, Bloggerinnen, Filmemacher und Kulturwissenschaftlerinnen tummeln. Man kennt sich seit einigen Jahren, eine regelrechte Community, die sich am Abend wohl im Berliner Haus der Kulturen der Welt anlässlich der Konferenz „Der Apparat des Rassismus“ wiedertreffen oder im Mai in Köln die Aktionen des NSU-Tribunals wahrnehmen wird. Ob der NSU-Prozess etwas Exemplarisches habe?, frage ich. Rechtsanwälte winkten bei so einer Frage bisher ab: Zu viel Sorgfalt, zu viel Aufmerksamkeit wandere da hinein, bei den kleinen Prozessen an den Landgerichten gehe man viel kruder vor. Hier muss ich mir plötzlich die Gegenfrage gefallen lassen: Ob Theater etwas Exemplarisches zeigen muss? Kann es eine Geschichte erzählen, die selbst nichts Exemplarisches in sich trägt, aber eine Verknotung des Exemplarischen darstellt? Brauche ich diese Kategorie eigentlich?

Klar ist, es werden unterdessen dieselben Fehler wiederholt. Ja, was in der einen Optik eine Ansammlung von Fehlern ist, ist in der anderen ein Rettungsversuch, in der dritten die Wiederholung von Fehlern und in der Vierten die Zukunft von Fehlern, die Leid nach sich ziehen. Das ist wohl mein Terrain. //

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