Gespräch

Was macht das Theater, Andrzej Wirth?

von und

Andrzej Wirth, Sie werden am 10. April neunzig Jahre alt – herzlichen Glückwunsch. Was verändert sich für den Kritiker im hohen Alter, wenn man rund siebzig Jahre Theater gesehen hat?
Eine Sorge ist sicher, dass die sinnliche Wahrnehmung nicht mehr so umfassend ist wie in der Jugend. Anders gesagt: Höre ich noch alles, was da gesprochen wird? Falls nicht, gäbe es da so eine vorgeschaltete Selektion der Wahrnehmung, der gegenüber man natürlich sehr misstrauisch sein muss. Andererseits erscheint es mir so, dass ich das aus dem Theaterraum Wahrgenommene mit einer besonderen Konzentration aufnehme – die ich dann auch beim Schreiben weitergeben möchte. Was mich außerdem sehr interessiert, ist – frei nach Brecht – das Theater der Straße. Wegen der eingeschränkten Mobilität (ich muss inzwischen einen Rollator benutzen) habe ich dort eine ganz eigene Wahrnehmung – als Flaneur der Langsamkeit, der den Zeitgenossen beim hastigen Leben zusieht. Oder aber eben auch sieht, wie die hierher geflohenen Jünglinge im besten Soldatenalter den deutschen Mädchen hinterherschauen, anstatt für die Befreiung ihrer Länder zu kämpfen. Diese Beobachtung, über die ich auch geschrieben habe, hat mir selbst bei meinen besten Freunden harsche Kritik eingebracht. Vielleicht kann nur ich, im Rückblick auf den von mir erlebten Warschauer Aufstand am Ende des Zweiten Weltkriegs, das so sehen.

Foto Antonio Maria Storch
Foto Antonio Maria Storch

Gibt es in solch langen Zeiträumen eine Entwicklung des Theaters, gar Fortschritt?
Selbstverständlich Entwicklung, aber das bedeutet nicht automatisch Fortschritt. Eine Entwicklung zum Beispiel war, wie das Theater zum Kino wurde. Damit meine ich nicht nur den medialen Apparat auf den Bühnen der Gegenwart, sondern als Begleiterscheinung auch die Veränderung des Publikums und sein soziales Verhalten. Die Leute gehen heute so ins Theater, wie man früher ins Kino ging.

Sie haben diese Entwicklung schon früh vorausgesagt, bedauern Sie sie?
Das war keine besondere Hellsicht, sondern die Kommentierung einer bereits im Keim angelegten Entwicklung. Wie gesagt, in meinen frühen Jahren war Theater, auch im stalinistischen Polen, eine konservative bürgerliche Angelegenheit, schwarz und steif. Wie sehr hat sich das verändert! Das ist tatsächlich eine große Entwicklung als Ganzes.

In welcher Theaterepoche würden Sie gern leben?
Ich bin zufrieden mit meiner Epoche. Auch wenn ich mich im Polen des Kalten Kriegs noch mit der Zensur herumschlagen musste. Im Unterschied zu anderen sozialistischen Ländern wie der DDR gab es in Polen dafür ein richtiges Amt. Das befand sich in Warschau passenderweise in der Mäusestraße.

Sie haben in den letzten Jahren eine eigene Form der Kritik entwickelt: eine aphoristische Gedichtform als sehr subjektiven Kommentar aktueller Inszenierungen. Wie kam es zu diesen Kurztexten?
Diese Kürze ergab sich zunächst aus einer Art Ökonomie des Alters. Ich schreibe immer noch sehr gern, aber vielleicht nicht mehr so gern lange Texte. Andererseits hatte ich wohl schon immer eine Neigung zum Aphoristischen – und es ist in diesen Texten auch mehr Raum für Humor. Das ist der andere Aspekt, ich kann diese Kurztexte mit einer Leichtigkeit schreiben, die völlig frei von den Formaterwartungen der Presse oder anderer Publikationen ist, und dann an Freunde, Kollegen oder die Theatermacher mailen.

Was war der letzte wichtige Theaterabend, den Sie gesehen haben?
Das war Robert Wilsons Inszenierung von Becketts „Endspiel“ am Berliner Ensemble. Das hat mich sehr bewegt, wie Wilson mit Licht, Farbe und Rhythmus arbeitet. Ich war überrascht davon, dass er mich noch einmal so berühren kann, denn ich kenne ja seine Arbeit praktisch von Anfang an. Das Zusammentreffen von Becketts Thema mit diesen Mitteln, die man eher der Malerei zuschreibt, war überraschend. Dieses spezielle Grau, in dem schon das Eis steckt, wird zu einem Dialog im Eisschrank. Man sieht da auch, wie das Formale zum Inhalt wird – zur metaphysischen Kälte. Aber vielleicht auch zum Grau des Alters. //

Kommentar hinzufügen

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Brechts Galilei

1 1938 vollendet Brecht in Skovsbostrand im dänischen Exil die erste Fassung seines…

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

- Anzeige -

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker