Ausland

Magische Landschaft

Die Tanztriennale Danse l’Afrique danse! und Christoph Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso

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Danse l’Afrique danse! ist das größte Tanzfestival des Kontinents und findet alle drei Jahre in einem anderen Land statt. Die vom Institut Français Paris initiierte und subventionierte Triennale wurde Ende letzten Jahres, nach Stationen in Madagaskar, Tunis, Bamako und Johannesburg, in Ouagadougou veranstaltet, der Hauptstadt des westafrikanischen Burkina Faso. Ein dicht gedrängtes Programm mit bis zu acht Aufführungen pro Tag an unterschiedlichen Spielstätten, die durch Shuttle-Busse verbunden sind. Nicht alles ist gut, vieles jedoch höchst inspirierend.

Eindrücke aus Burkina Faso – Kinder vor der Schule in Schlingensiefs Operndorf, Foto Erik-Jan Ouwerkerk
Eindrücke aus Burkina Faso – Kinder vor der Schule in Schlingensiefs Operndorf, Foto Erik-Jan Ouwerkerk

Die beste Aufführung, um es gleich vorwegzunehmen, ist „Du désir d’horizons“ von Salia Sanou (Burkina Faso) – die überzeugendste Arbeit zum neuen Weltthema Flucht und Vertreibung, die ich bislang im Theater oder Tanz gesehen habe. Sanou beschreibt das Elend und die Angst der Flüchtlinge in großen, starken Gruppenbildern, aber er zeigt eben auch ihre Stärke, zeigt ihren Mut und ihre Schönheit. Es sind Menschen, die man lieb gewinnt, die man bewundert, und ihre schiere Lebensfreude am Schluss, wenn sie lachend auf Motorrädern über die Bühne donnern, ist so berührend wie ansteckend.

Salia Sanou, einst Tänzer bei Mathilde Monnier, später Mitbegründer des Choreografischen Zentrums La Termitière in Ouagadougou, das neben dem lokalen Institut Français Hauptspielstätte des Festivals ist, gehört zu den berühmtesten Choreografen Westafrikas. Mit diesem „Wunsch nach Horizonten“ hat er seine vielleicht beste Arbeit geschaffen. „Ich habe in einem großen Flüchtlingslager im Norden von Burkina, an der Grenze zu Mali, mehrere Workshops gegeben“, sagt er. „Dabei habe ich viel vom Lagerleben begriffen und beschlossen, nicht die Armut und den Schrecken zu choreografieren, sondern die Poesie dieser Körper, die nichts haben außer der Hoffnung auf die Zukunft, die Horizonte.“ Gerade das macht die Aufführung so human und so triumphal, weil sie den Menschen dadurch ihre Würde zurückgibt, ihre Lebenslust und ihre Identität.

Um die Wiederherstellung der Würde geht es auf ganz andere Weise auch in „Entre-deux II: Lettre à Guz“ von Dorine Mokha aus der Demokratischen Republik Kongo. Das kleine eindringliche Solo verarbeitet Autobiografisches: Mit zehn Jahren wird Dorine (trotz des weiblichen Vornamens ein Junge) von Guz missbraucht, ein Verbrechen, über das der Mantel des Schweigens gelegt wird. Seither sucht Dorine nach Guz, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen; vielleicht sitzt er ja sogar hier im Saal. Die verstörenden Bilder aus Schatten und Einsamkeit, der immer wieder sich aufbäumende Körper, der verzweifelte Kampf ums Gehörtwerden – all das geht unter die Haut und lässt einen lange nicht los.

Auch das Solo „XXL“ von Kaisha Essiane aus Gabun prägt sich ein. Die Tänzerin stellt ihre üppigen Formen bewusst aus und verteidigt sie. Sie räkelt sich wohlig auf einer Drehscheibe, präsentiert ihren Körper wie ein kostbares Kunstwerk, das gerade durch seine Übertreibung beeindruckt, macht klar, dass nicht ihre Formen die Essenz ihres Lebens ausmachen, sondern ihre Gedanken dazu. „I am more than an ass“, sagt sie und besiegt den Blick von außen durch ihre hintergründigen Interpretationen und überraschend grazilen Bewegungen. Das hat Humor und ist eine schlagkräftigere Waffe gegen Vorurteile als all die verklemmten PC-Umschreibungen à la „she is horizontally challenged“. Man lernt: Selbstbewusstsein und Fett können sich gegenseitig steigern.

Noch ein drittes Solo muss erwähnt werden: „Spirit“ von und mit Adonis Nébié (Burkina Faso), das die Spannung zwischen Körper und Geist in traumwandlerisch mysteriöse Bilder fasst. Nébié hat eine starke Bühnenpräsenz und tanzt nackt, um die Verletzlichkeit des Körpers herauszustellen. Die Verletzlichkeit des Geistes ist schwieriger zu fassen, er kämpft gegen Überforderung und Verwirrung, scheint gefährdeter als sein Gegenpart und sucht verzweifelt nach Trost, den er nicht findet, auch nicht in der Religion, wenn ich es recht deute. Das kurze Stück ist eines der rätselhaftesten, dadurch auch nachdrücklichsten des Festivals – man möchte es gleich noch einmal sehen.

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