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Amüsement und Skandal

Das diesjährige Augsburger Brecht-Festival unter der neuen Intendanz von Patrick Wengenroth

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Unter dem Motto „Ändere die Welt, sie braucht es“ – einem Schnipsel aus der Brecht‘schen „Maßnahme“ – eröffnete der neue Intendant Patrick Wengenroth das jährlich stattfindende Brecht-Festival in Augsburg. Leicht sollte es nicht werden, blieben für Wengenroth doch aufgrund der Sanierung die Türen des Großen Hauses verschlossen. Doch mit den alten Gaswerken fand er einen Spielort, der sich mit seiner sinisteren Atmosphäre perfekt für Brechts „Die Maßnahme“ unter der Regie von Selcuk Cara eignete, eine der zwei Eigenproduktionen des Festivals. „Krise ist immer“, titelte die andere Eigenproduktion, eine von Friederike Heller inszenierte „Versuchsanordnung auf den Spuren von Bertolt Brecht und Walter Benjamin“. Das Verhältnis von Brecht und Benjamin bildete einen Schwerpunkt des Festivals. Eine Lesung der britischen Autorin Laurie Penny galt dem zweiten Schwerpunkt, dem Feminismus.

Den berühmten Sohn Augsburgs durch den Alleszermalmer Pop gedreht – „Die Welt ist: schlecht! Und ich bin: Brecht!“ (hier mit Matthias Kloppe) von Patrick Wengenroth. Foto Kai Wido Meyer
Den berühmten Sohn Augsburgs durch den Alleszermalmer Pop gedreht – „Die Welt ist: schlecht! Und ich bin: Brecht!“ (hier mit Matthias Kloppe) von Patrick Wengenroth. Foto Kai Wido Meyer

Mit dem berühmt-berüchtigten Lehrstück „Die Maßnahme“ wagte sich Selcuk Cara auf vermintes Gebiet: Brecht und Hanns Eisler, der die kühnen Kompositionen beisteuerte, verhängten kurz vor Brechts Tod ein Aufführungsverbot, das erst 1997 aufgehoben wurde. Die beiden fürchteten vereinfachende Interpretationen. Das Stück nehme, so wurde wohlwollend gedeutet, die stalinistischen Säuberungen vorweg, andere betrachteten die „Maßnahme“ geradezu als Lobeshymne auf das Opfer des Einzelnen für das große Ganze. Dialektisches Denken sollte im Für und Wider zwischen Chor und Schauspieler geschult werden, Cara dagegen entschied sich, zwischen diesen einen schwarzen Vorhang einzuziehen. Dafür fügte er der „roten Messe“ (Klaus Lazarowicz) einen Vorhof hinzu.

In eine Vorhalle gedrängt, stand das Publikum an einem Gitterzaun, gegenüber ein Schlauchboot, dahinter posierten Schauspielerinnen in weißem Kleid. Die Ruhe fand ein jähes Ende, als „Was ist ein Mensch?“ gebrüllt und danach weitere Versatzstücke aus dem „Song von der Ware“ in ansteigendem Ton gemurmelt wurden. Jene Enge kulminierte in einem Zitat des amtierenden Bundesministers des Inneren, Thomas de Maizière, das dem Publikum entgegengeschleudert wurde. Cara versuchte sich mit dem Bezug auf die Schließung der europäischen Grenzen, wie er in einem Begleittext erklärt, an einer „Übertragung“: Aus dem jungen Genossen werden Flüchtlingshelfer, aus dem Kontrollchor der Innenminister und die EU. Denn diese „wollen, dass ich für das große Ganze, für das System, für die EU meinen Begriff der Mitmenschlichkeit und des Mitleids auf bürokratische Art neu definiere“. Benebelt von Caras virtuoser Aktualisierung der „Maßnahme“ in Form eines moralischen Hammerschlags auf den Kopf, wurde das Publikum dann in eine große Maschinenhalle geführt. Dort fand man zum Teil auf Kirchenbänken, der Rest stehend Platz, und die dunkel-düstere Messe nahm ihren Lauf. Fraglich, wie sehr der Vorhang zwischen Chor und Agitatoren am Lehrstückcharakter des Zwiegesprächs nagt, bedenkt man Brechts Aussage von 1956, dass „Die Maßnahme“ nicht für die Zuschauer, sondern zur Belehrung der Aufführenden geschrieben sei, denn sie würde beim Publikum nichts als moralische Affekte von gewöhnlich minderer Art hervorrufen.

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