thema II: theaterland baden-württemberg

Wo Gefahr ist, wächst das Rettende

Das Theaterland Baden-Württemberg zwischen Krisenindizien und Neugewichtung

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Baden-Württemberg gilt vielen als Theaterwunderland. Als der reiche Südwesten, in dem eine Theaterlandschaft blüht und gedeiht, die in den Punkten Dichte, Ausstattung und Zuschauerzahl im bundesweiten Ranking zusammen mit Bayern und NRW ein Spitzentrio bildet. Ein Theatermusterländle also? Keine Frage, dass dies auch mit der Flächengröße und der Wirtschaftsstärke des Südweststaats zu tun hat, der die höchste Exportrate und die geringste Jugendarbeitslosigkeit im Bund vorweisen kann.

v.l.n.r. Horst Kotterba und Caroline Junghanns. Foto Bettina Stöß
v.l.n.r. Horst Kotterba und Caroline Junghanns. Foto Bettina Stöß

Sicher, trotz eines vergleichsweise soliden Finanzierungssystems gibt es auch hier Engpässe und Sparattacken, zunehmende Angebotsdichte in den Ballungsgebieten und Verödungsgefahr auf dem Land. Doch Fusionen, Spartenabbau oder Schließungen sind hier die Ausnahme. Dass badenwürttembergische Bühnen trotz dieser Vorzugsstellung relativ selten zum Berliner Theatertreffen eingeladen werden, ist ein anderes Thema. Eine Frage der innovatorischen Kraft, der Ästhetik? Oder eher eine Vorurteilsstruktur im Spannungsfeld zwischen Metropole und Provinz? Immerhin, das Schauspiel Stuttgart rangiert beim Berliner Theatertreffen mit insgesamt 31 Einladungen auf einem hervorragenden vierten Platz – hinter dem Burgtheater Wien (49), den Münchner Kammerspielen (45) und dem Schauspielhaus Hamburg (36). Einladungen anderer baden-württembergischer Bühnen? Sind selten und mindestens zehn Jahre her; bis auf Karlsruhe, das es 2016 mit dem Doku-Projekt „Stolpersteine Staatstheater“ erstmals in die Berliner Top Ten schaffte.

„Das Theaterland Baden-Württemberg lässt kaum Wünsche offen“, bilanziert das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Werbelyrik? Vielleicht, doch der Südweststaat ist im Ländervergleich gut aufgestellt, umfasst zwei Staats-, drei Landes- und neun Kommunaltheater, ein Regionaltheater, 31 Kleintheater, eine freie Szene mit rund 150 Gruppen oder Einzelkünstlern, 16 Theaterfestspiele (darunter der international ausgerichtete Heidelberger Stückemarkt) und etliche Amateurbühnen.

Zwei Stichproben sollen wenigstens einen Eindruck von der Bandbreite geben. Tief im Osten, kurz vor Bayern, hält sich in Aalen wacker und quicklebendig das wohl kleinste Theater der Republik, das einen bemerkenswerten State of the Art des modernen deutschen Stadttheaters bietet, mit Uraufführungen, Klassikern und Sommer-Freiluftstück, samt Zwischenlandung der Gruppe Rimini Protokoll, die auch hier ihren wohnzimmerkompatiblen „Hausbesuch Europa“ offerierte. Im Nordwesten wiederum besitzt Mannheim mit dem Nationaltheater das bundesweit größte, seit 2012 um eine Bürgerbühne erweiterte Mehrspartenhaus, das etwa das vierzigfache der Zuwendungen erhält, die Aalen bekommt. Speziell das Schauspiel in Mannheim hat sich als Ur- und Erstaufführungsbühne mit wechselnden Hausautoren von Ewald Palmetshofer bis Reto Finger profiliert und zeigt, dass damit Zuschauerrekorde möglich sind. Wichtigste Personalie dieses Jahr im Theaterland Baden-Württemberg: Der Mannheimer Schauspiel-Intendant Burkhard C. Kosminski wechselt 2018 ans Staatsschauspiel Stuttgart.

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