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thema II: theaterland baden-württemberg

Utopie als Suchbewegung

Das Theater Freiburg gestaltet Zukunft und bewältigt dabei den Abschied von Ensemble und Intendanz

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Was kommt zum Schluss? Wirft das Freiburger Schauspiel in der letzten Spielzeit der Intendanz Mundel die Illusionsmaschine an? Nein, das Freiburger Theater bleibt sich treu und wird zum Diskursraum für ein gigantisches dramaturgisches Projekt. In „Eurotopia“ gestalten acht internationale Künstlerteams acht „Statements“ zum Thema Europa. Gerade weil das Vertrauen des Publikums in die diskursiven Fähigkeiten des Theaters Freiburg enorm gewachsen ist, bleibt Enttäuschung nicht aus. Zu disparat erscheinen die sieben Beiträge innerhalb des Inszenierungsabends im Großen Haus (der achte Beitrag, Milo Raus Videoinstallation „The Civil Wars“, läuft ausgelagert in der Kammerbühne). Eine gemeinsame Bühnensprache ist nur schwer erkennbar. Der Austausch zwischen den Künstlerteams kam zu kurz, das bedauert die Dramaturgie des Hauses ganz offen. Die geschreinerten Rednerpulte unterschiedlicher Größe, von ORTREPORT & Meier/Franz als verbindendes bühnenbildnerisches Zeichensystem geschaffen, bilden eine formale Klammer. Anfang und Ende?

Foto: Maurice Korbel
Foto: Maurice Korbel

Los geht es mit der Kurzoper „Die Verführung Europas“, in der der türkische Theatermacher Memet Ali Alabora die Entführung der mythischen Europa-Figur als Migrationsgeschichte inszeniert. Der Zuschauer bedarf dabei allerdings des Programmhefts, um zu verstehen, dass Alabora die Oper als „die europäischste aller Kunstformen“ begreift. Seinen Abschluss findet „Eurotopia“ wiederum in einem wütenden Trommelwirbel zur europäischen Kolonialisierung Afrikas: mit den „Freiburg Files“. Unter der künstlerischen Leitung Faustin Linyekulas versammeln sich hier Menschen aus Ghana und Kuba, die lange schon in Freiburg leben. Wie sichtbar sind sie für die städtische Zivilgesellschaft? Wann endet endlich ihre erfahrene „Unsichtbarkeit“? Im Rahmen des „Eurotopia“-Projekts dominiert ganz klar der kritische Blick, häufig die Dystopie. So nimmt Jarg Pataki in „Die Wiedergeburt Europas“ eine irritierende Perspektive auf totalitäre Verherrlichung von Volk und Heimat ein. Emre Koyuncuoğlu dekonstruiert in „Silent Migration“ das künstliche Bauprinzip von Nationalstaaten, indem sie den verworrenen Fäden der Identität von Zwangsumgesiedelten in der Folge des Ersten Weltkriegs nachspürt. Konsequent auf die Zukunft bezogen bleibt der Beitrag von Ruud Gielens. Ägyptische Kinder, auch Flüchtlingskinder, äußern sich in seinem Kurzfilm zu Europa. Wie sich diese Kinder Europa vorstellen? Als Sehnsuchtsraum. „Alles wird rosa sein“, antwortet ein Mädchen. Das erträumte Europa reicht von spannenden Schulen bis zur flächendeckenden Islamisierung. Wahrscheinlich muss man außerhalb des Kontinents recherchieren, um die Strahlkraft Europas neu zu entdecken. Oder einfach die Mauern und Zäune unserer bürgerlichen Gesellschaft ausleuchten. Genau das haben sich Felicitas Brucker und Arved Schultze vorgenommen. In ihrem überaus gelungenen Beitrag „Entre les murs“ kommen die Ausgeschlossenen unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft zu Wort. Die Texte entstammen einer Recherche des Regieteams hinter den Mauern eines französischen Gefängnisses. Gesprochen werden die Aussagen jugendlicher Straftäter von sehr jungen deutschen Kindern. Das verändert den Blick der Zuschauer: Sie erleben auf der Bühne kindliche Unschuld, grenzenlose Zukunft – und lauschen gleichzeitig den illusionslosen Aussagen der Straftäter. Diebstahl erscheint legitim, Europa und Geld sind eins. Die Spirale der Gewalt, sie wird sich weiter drehen. Verfremdete Videoeinspielungen aus dem größten Freizeitpark vor den Toren Freiburgs suggerieren eine Nebellandschaft; der „Europapark“ als filmische Geisterbahn passt zu den distanzierten Äußerungen der Strafgefangenen. Die gänzliche Abwesenheit von Hoffnung oder Utopie verstört den Zuschauer.

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