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Lob des Störfalls

Das Gegenwartstheater zwischen Aktionismus und Elfenbeinturm – die Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann und die Regisseurin Laura Linnenbaum im Gespräch mit Gunnar Decker

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Kunsträume sind Räume der Störung – Sasha Marianna Salzmann (l.) und Laura Linnenbaum. Foto Ben Wolf
Kunsträume sind Räume der Störung – Sasha Marianna Salzmann (l.) und Laura Linnenbaum. Foto Ben Wolf

Sasha Marianna Salzmann, bei Ihnen glaube ich in den Interviews zu Ihren letzten Stücken „Hurenkinder Schusterjungen“ und „Die Aristokraten“ herausgehört zu haben, dass wir müden Europäer auf unserem Elfenbeinturm, der in Wahrheit eine Festung ist, das Privileg unseres Nihilismus pflegen, derweil wir gefährlich in Selbstgefälligkeit versinken. Und bei Ihnen, Laura Linnenbaum, hatte ich während des von Ihnen in Chemnitz kuratierten Festivals Unentdeckte Nachbarn und des von Ihnen inszenierten NSU-Stücks „Beate Uwe Uwe Selfie Klick“ den Eindruck, dass wir mitten in einer Blackbox sitzen. Wie kommen Theater und Gesellschaft da raus – oder täuscht der Eindruck und Sie selbst bewegen sich in eher klaren Frontstellungen?
Sasha Marianna Salzmann: In Istanbul etwa erlebte ich, wie sehr die Theater – kleine Häuser, die in prekären finanziellen Situationen existieren – in die politischen Auseinandersetzungen involviert sind. Ebenso in der Ukraine, wo man mir sagte, dass die Theater vor den Ereignissen auf dem Maidan gar keine so große Rolle spielten, erst danach. Da sprießen also Theatergruppen nur so aus dem Boden. Oder schauen wir uns die Theaterlandschaft in Polen an. Der Kern von dem, was ich beobachte, scheint mir: Theater ist eine politische Kunstform – sich einzumischen, Stellung zu nehmen, sich zu formieren, auch grundsätzlich auszuloten, wo wir sind. Was wir mit der Crew um Shermin Langhoff und Jens Hillje erst am Ballhaus Naunynstraße und jetzt am Gorki Theater versuchen, ist, dass wir Theater für die Menschen dieser Stadt machen, nicht über abstrakte Themen, das ist uninteressant: Kapitalismus ist nur eine Klammer, Rassismus nur ein Wort. Ich glaube, Theater spricht an, und damit ist es auch eine Form des aktiven Eingreifens. Wir haben ja eine Minderheit, die auf der Bühne steht und zu einer Mehrheit spricht. Das ist per se ein Politikum. Da spielen Körper eine Rolle, ebenso der Preis einer Eintrittskarte. All das ist ein Mitschreiben der Welt, in der wir leben. Wir beeinflussen sie dadurch. Durch den Widerstand, der jetzt real stattfindet. Diese furchtbaren Zustände überall – ich habe in Barcelona, Havanna oder auch in New York gesehen, wie die erhitzten Gemüter der Menschen ihren Ausdruck im Theater finden.

Nun sprechen Sie auch immer von Ihrem biografischen Hintergrund her: ein Transit von Moskau über die westdeutsche Provinz nach Istanbul und wieder zurück. Das sind prägende Erfahrungen, von denen auch Ihr erster Roman „Außer sich“ handelt, der gerade bei Suhrkamp erscheint. Das klingt nach dem umwegreichen Versuch, die eigene Identität zu finden. Sie haben von Ihrem Optimismus gesprochen, aber viele haben auch den Eindruck, dass gerade etwas zu Ende geht.
Salzmann:
Immer hat man in der Geschichte der Menschheit gedacht, dass irgendetwas zu Ende geht. Der Tod des Autors oder der Untergang des Abendlandes werden wiederkehrend ausgerufen. Jetzt haben wir es natürlich mit sehr konkreten Gefahren zu tun, ich will das überhaupt nicht herunterspielen. Aber ich habe nie nach meiner Identität gesucht. Ich muss meine Identität nicht finden, ich erfinde sie. Das hat mit meinem jüdischen Hintergrund zu tun. Das Großartige an der jüdischen Kultur ist: Es gibt sie nicht. Es gibt nur jüdische Kulturen. In Deutschland gilt sie als Religion, in meiner Geburtsurkunde steht, es ist meine Nationalität. Am Ende bestimme ich selbst, was es ist.

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