Stück

Lügen gehören für mich beim Schreiben zum täglichen Brot

Der US-amerikanische Autor Neil LaBute und Thomas Spieckermann, Leiter des TAK Theater Liechtenstein, über das Stück „Das vierte Reich“ im Gespräch mit Bodo Blitz

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Thomas Spieckermann, Sie haben bereits 2014 mit Neil LaBute zusammengearbeitet. Damals leitete er das Internationale Autorenlabor am Theater Konstanz. Dieser Kontakt setzt sich nun mit dem Auftragswerk Ihres TAK Theater Liechtenstein an Neil LaBute fort. Was bedeutet Ihnen diese Kooperation in künstlerischer Hinsicht?
Thomas Spieckermann: Für mich ist Neil La-Bute einer der bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Seine Stücke sind meiner Meinung nach nicht nur sprachlich und dramaturgisch brillant, sie haben ein manifestes Interesse an den Abgründen der menschlichen Seele. Er zeigt die dunklen Seiten des Menschen als obligate Teile seines Wesens. Gleichzeitig ist er ein herausragender Mentor, der für das Theater lebt und junge Künstlerinnen und Künstler nach Kräften fördert. Mit ihm zusammenzuarbeiten, finde ich künstlerisch überaus fruchtbar und ein Privileg.

Wie kam es zum aktuellen Projekt? Welche Erwartungen verknüpfen Sie damit?
Spieckermann: LaBute und ich sind seit dem Autorenlabor in einem steten Dialog. Als ich über „Michael Kohlhaas“ als Eröffnungsproduktion nachdachte, habe ich ihn gefragt, ob er dazu einen inhaltlich daran angelehnten Text schreiben könnte, der in der amerikanischen Gegenwart verankert ist. Zu meiner großen Freude hat er dazu Ja gesagt. Mit diesen beiden Produktionen hoffe ich auf einen größeren erzählerischen Bogen quasi als Meta-Erzählung – mehrere Perspektiven auf ein Thema, seien sie auch noch so unterschiedlich, bilden eine breitere Basis für eine inhaltliche und künstlerische Diskussion.

Neil LaBute. Foto Theater Konstanz/Ilja Mess
Neil LaBute. Foto Theater Konstanz/Ilja Mess

Neil LaBute, welchen Einfluss hatten die aktuellen politischen Entwicklungen in den USA und auch in Europa auf Ihr Stück?
Neil LaBute: Die USA haben vor Kurzem eine Woge der politischen Rechten erlebt, die eine interessante Figur in eine Position von großer Macht gespült hat. Das Resultat: ein politisches Erdbeben, das die Linke betäubt. Was wird letztendlich das Vermächtnis dieses Mannes sein? Das kann man jetzt noch nicht sagen, aber es gibt mit Sicherheit ein Gefühl des Unwohlseins im Land – gleichzeitig jedoch eine große Leidenschaft für ihn in bestimmten Gegenden. Gerade jetzt ist in Amerika und in Europa eine faszinierende Zeit. Aber ich habe mich entschieden, für das Stück jemanden zu nehmen, der gedanklich außerhalb dieser Zeit steht – einen heutigen Amerikaner mit einer Hitlerfaszination –, um zu schauen, wohin mich das führt.

Lässt sich Ihr Protagonist aus „Das vierte Reich“ zwischen den Polen der Normalität und des Wahnsinns einordnen?
LaBute: Meinen Protagonisten schätze ich als sehr gesund ein. Wäre er dem Wahnsinn verfallen oder auch nur leicht psychisch gestört, dann fiele es uns zu leicht, ihn abzutun und seine Gedanken als verrückt darzustellen. Das wäre zu einfach. Ich wollte, dass mein Protagonist gezielt, wohlbedacht und abgewogen über jemanden argumentiert, der in der Geschichte wiederholt schlecht beurteilt wurde. Mein Ziel war zu schauen, ob es gelingt, dass mein Protagonist logisch und bedacht in seinem Ansatz klingt, auch wenn das Publikum seine Ideen abstoßend, lächerlich oder sogar verachtenswert findet. Als ich aufwuchs, hatte mein Bruder Deutsch als Schulfach. Er kannte eine deutsche Familie, die mich faszinierte, zumindest in der Art und Weise, wie mein Bruder sie darstellte. Mein Bruder sagte, sie seien gute Menschen, und er mochte sie sehr gerne. Aber ihre politischen Ansichten, den Krieg betreffend, seien wie folgt: „Deutschland hat den Krieg verloren, wie jedes andere Land, das einen Krieg in den letzten Jahrzehnten verloren hat.“ So einfach. Ich bin sicher, dass ein Teil meiner damaligen Überraschung als junger Mann, diese Antwort betreffend, seinen Weg in das Porträt des Protagonisten gefunden hat, das ich mit „Das vierte Reich“ verfasst habe.

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