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Der Mann, den sie Juller nannten

Das Theater der Jungen Welt Leipzig geht mit einem Stück über den jüdischen Fußballer Julius Hirsch auf Tournee durch Bundesligastädte

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Julius Hirsch war ein Idol aus der Frühzeit des Fußballs, als im Kaiserreich der Ballsport noch wegen seiner Herkunft aus England beargwöhnt wurde. In Karlsruhe, dessen Fußballverein die ersten Jahre der deutschen Meisterschaft wie heute Bayern München in Serie gewann, lief Juller, wie ihn alle nannten, in gebückter Haltung stets torgefährlich über den Platz. Hirsch spielte außerdem siebenmal in der damals gerade erst aufgestellten Nationalmannschaft des 1900 gegründeten DFB, darunter zweimal bei den Olympischen Spielen. In den Ersten Weltkrieg zog er als kaisertreuer Kämpfer und kehrte militärisch dekoriert in seinen Karlsruher Verein zurück, dem er nach der Zeit als Aktiver schließlich noch als Jugendtrainer angehörte. Bis 1933, als alle Juden aus den Sportvereinen verschwinden sollten. Juller trat aus und einem jüdischen Verein bei, um seinem Karlsruher FV verbunden bleiben zu können. Dieser Professor Mamlock des Fußballs durfte indes nicht einmal mehr ins Stadion. Mit der Deportation 1943 verlor sich seine Spur, Richtung Auschwitz. 1950 wurde er rückwirkend auf den 8. Mai 1945 für tot erklärt – seine einstige Popularität in Deutschlands beliebtestem Sport bot keinen Schutz.

„Juller“ von Jörg Menke-Peitzmeyer über den jüdischen Fußballer Julius Hirsch. Foto Tom Schulze
„Juller“ von Jörg Menke-Peitzmeyer über den jüdischen Fußballer Julius Hirsch. Foto Tom Schulze

Der DFB verleiht seit 2005 einen Toleranz-Preis in Jullers Namen. Das Leben des jüdischen Wunderspielers ist inzwischen – unter anderem von dem Fußballhistoriker Werner Skrentny – gut erforscht und dokumentiert. In der Jubiläumsspielzeit zum 70. Jahr seiner Gründung brachte nun das Theater der Jungen Welt (TJW) ein Stück über Juller in Leipzig zur Uraufführung. Das Auftragswerk von Jörg Menke-Peitzmeyer zeigt Hirschs Biografie in Rückblenden aus einer Art Fußballerhimmel, in dem Juller mit seinen ebenfalls zu den Karlsruher Legenden gehörenden Spielern Gottfried Fuchs und Fritz Förderer zusammentrifft. Diese kühne dramaturgische Anlage wird in der Regie von TJW-Intendant Jürgen Zielinski noch verstärkt, wenn er die drei Alten auf einer Art Fußballtribüne in der Haltung und mit den Utensilien heutiger Fankultur auftreten lässt: Schals und Bier als Accessoires einer freudig aufgeregten Liebe zum schönsten Zuschau- und Mitdiskutiersport der Welt (Bühne Zielinski zusammen mit Steffen Wieser und Carsten Schmidt). Das führt das Andenken in die unmittelbare Gegenwart. Nach und nach bringt Zielinski dem überwiegend jugendlichen Publikum die Geschichte des Julius Hirsch in markanten Szenen entlang von Aufstieg, Irrtum und Vernichtung Jullers eindringlich nahe. Ein wesentlicher Erzählstrang ist dabei, wie der von Philipp Oehme mit einer um alles wissenden Melancholie gespielte Fußballer seine Familie für den Sport vernachlässigt, bis er sie in letzter Verzweiflung durch die Scheidung seiner „Mischehe“ zu retten glaubt. Dem Fußballer und Vater als zunächst warmherziggutbürgerlicher Erscheinung steht die Tochter gegenüber. Laura Hempel verkörpert sie als Sängerin, die die Leidenschaft ihres Vaters mit berührenden Liedern aus einer anderen Welt konfrontiert. Fußball ist nicht alles, schon gar nicht in schlimmen Zeiten.

Die DFB-Kulturstiftung hat Stück und Inszenierung gefördert. Das ist beachtlich, denn dieser mächtige Bund ist trotz des Preises ansonsten nicht dafür bekannt, die Verwicklungen der eigenen Geschichte, die Jullers Schicksal bedingten, breitenwirksam aufarbeiten zu lassen. Eher steht der DFB mit seinem heutigen Aushängeschild Philipp Lahm für das Statement, dass Politik auf dem Spielfeld nichts zu suchen habe. Zu zeigen, dass unter dem Rasen aber auch Geschichte ist, das ist „Juller“ als szenischem Bogen über eine vernichtete Legende beeindruckend gelungen. Im Herbst geht die TJW-Produktion auf Tournee durch verschiedene Bundesligastädte. Anstoß ist am 11. Oktober im Fußballmuseum Dortmund. //

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