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Polnisch-polnischer Kulturkampf

Kunst versus Religion? Die Gesellschaft in Polen ist tief gespalten – Künstler sehen sich immer mehr mit Mechanismen der Zensur konfrontiert

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In seiner Verfassung beschloss das polnische Volk 1997 nicht nur das Zensurverbot, sondern im Artikel 73 auch „die Freiheit der künstlerischen Beschäftigung (...) sowie die Freiheit, an der Kultur teilzunehmen“. In vielen Ländern werden die Grenzen der künstlerischen Freiheit heftig diskutiert. In Polen wird sie jedoch immer öfter mit dem Artikel 196 des Strafgesetzbuches konfrontiert, der besagt: „Wer die religiösen Gefühle anderer Menschen beleidigt oder einen Gegenstand religiöser Verehrung oder einen Raum für die öffentliche Aufführung von religiösen Riten öffentlich verunglimpft, dem drohen mindestens eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren.“

„Klatwa“ nach Stanisław Wyspianski erzählt vom Missbrauch in der katholischen Kirche – Gläubige sehen ihre religiösen Gefühle verletzt. Foto Magda Hueckel
„Klatwa“ nach Stanisław Wyspianski erzählt vom Missbrauch in der katholischen Kirche – Gläubige sehen ihre religiösen Gefühle verletzt. Foto Magda Hueckel

Die polnische Gesellschaft ist im Moment so tief gespalten wie noch nie. Mit der Übernahme der Macht durch die rechtskonservative Partei PiS wird die Spaltung deutlich tiefer, und die Anhänger der beiden Lager kommen nur noch schwer ins Gespräch, geschweige denn in einen richtigen Dialog. Zu Kollisionen kommt es aber immer öfter im Bereich der Kunst und zwar zwischen den konservativen (oft katholischen) Empörten und (links)liberalen Zuschauern und Künstlern. Obwohl Zensur nicht stattfinden darf, wird immer vehementer versucht, mithilfe des politischen und ökonomischen Drucks die Freiheit der Kunst einzuschränken oder zumindest die Tätigkeit kritisch denkender Künstler zu erschweren.

Nach dem Wahlgewinn der PiS im Oktober 2015 wurde der frischgebackene Kulturminister Piotr Gliński zugleich zum Vizepremier berufen. Manche wollten darin die der Kultur beigemessene Bedeutung sehen, andere verstanden es sofort als Zeichen des Kontrollwillens. Der Minister zeigte schon in der ersten Amtswoche eine Neigung zur Vorzensur. Für den 21. November war die Premiere von „Der Tod und das Mädchen“ nach Elfriede Jelinek (Regie Ewelina Marciniak) am Teatr Polski in Wrocław geplant (damals eines der wichtigsten Theater hierzulande, heute im pathologischen Clinch mit dem politisch besetzten Intendanten). Zuerst wurde die Facebook-Seite des Hauses wegen angeblicher Pornografie auf dem Plakat zum Stück blockiert. Dann machte die Nachricht die Runde, dass das Theater für die Inszenierung Pornoschauspieler sucht. Die Regisseurin begründete das Konzept mit der Spezifik der Jelinek-Literatur und der „Sprache, die sie verwendet. (...) Bei einer solchen Literatur darf es keinen wundern, wenn man Pornodarsteller einsetzt“. Niemand aus der polnischen Pornobranche meldete sich, also wurden Darsteller aus Tschechien geholt. Die Organisation „Rosenkranzkreuzzug für das Vaterland“ kündigte eine Demonstration vor dem Theater mit 15 000 Teilnehmern an. Der Kulturminister verkündete im Radio, dass es für Pornografie keine öffentliche Gelder geben werde, und forderte die lokalen Behörden auf, Druck auf die Intendanz auszuüben. Dabei ist auch erwähnenswert, dass unter den ersten, die Alarm geschlagen hatten, die Ratsmitglieder der Bürgerlichen Plattform (einer oppositionellen Partei) waren. Sie sahen in Budgetkürzungen eine mögliche Lösung der Krisensituation. Ihre heilige Empörung endete jedoch, als sie feststellten, der gleichen Meinung wie die PiS zu sein, was in der jetzigen politischen Konstellation ungünstig wäre. So wurden aus Empörten auf einmal Verteidiger.

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