Auftritt

Naumburg: Sollbruch-Stelle im Mythos

Theater Naumburg: „Ich, Uta“ (UA) von Thomas B. Hoffmann. Regie Stefan Neugebauer, Ausstattung Rainer Holzapfel

von

Für Friedrich Nietzsche waren Kirchen „Grabmäler Gottes“. Der Naumburger Dom war für den in dieser Stadt aufgewachsenen Philosophen keine Ausnahme, im Gegenteil, er scheint sogar eine besonders opulente Grabplatte, die alles Zarte und Schöne, jeden Anhauch von lebendigem Atem erdrückt. Aber da ist ja Uta von Ballenstedt, eine von zwölf Stifterfiguren! Sie wurde zu Naumburgs Mona Lisa, einem mittelalterlichen Pin-up-Girl, das den Betrachter bis heute verzaubert, und in die jeder projiziert, was ihm zum Thema Weib und Schönheit so einfällt.

Handfeste Ritter, wüste Besäufnisse – Tom Baldauf (l.) und Peter Wagner in „Ich, Uta“ am Theater Naumburg. Foto Torsten Biel
Handfeste Ritter, wüste Besäufnisse – Tom Baldauf (l.) und Peter Wagner in „Ich, Uta“ am Theater Naumburg. Foto Torsten Biel

Dem Autor Thomas B. Hoffmann, der einer von 15 Einsendern des vom Theater Naumburg ausgeschriebenen Dramenwettbewerbs zum Thema Uta war und diesen gewann, fällt so einiges ein. Stefan Neugebauer inszeniert das Vierpersonenstück im Bühnenbild von Rainer Holzapfel im Turbinenhaus. Das ist ein interessanter Ort, der zum Zeitpunkt der Ausschreibung noch eine Ruine war: ein Gegen-Dom früher Industriearchitektur, funktional und zugleich mit einem Anhauch von neogotischem Rittersaal. Die Zuschauer sitzen in zwei Reihen an den Wänden entlang, in der Mitte vier der Stifterfiguren in sichtlich größtmöglichem Abstand zur Historie. Ein Stück von heute sollte es werden. Zwei Ehepaare in immer unbefriedigenden Debatten über das schwindende Glück der Gemeinsamkeit. Eine Hollywoodschaukel, begehbare Fototapete mit deutschem Wald und einem Haufen Steine für den potenziellen Eigenheim- oder den Dombau dürfen da nicht fehlen.

Uta (Marie Nasemann) wirkt wie eine höhere Tochter auf Selbstfindungstrip. So etwas nervt natürlich alle, auch die Zuschauer. Jedenfalls am Anfang, wenn sie vor dem Spiegel stehend darüber monologisiert, wer das „Ich“ eigentlich ist und – Übel der Prominenz – wie lästig es sei, immerzu beobachtet zu werden: „Stellen Sie sich mal nackt vor den Spiegel! Sehen Sie! Die Leute starren mich manchmal an, als stünde ich nackt vor ihnen. Schamlos. Nicht ich. Die Leute.“ Dieser Naumburger Uta, dem kühlen, strengen, geheimnisvollen Traumbild der Deutschen (vor allem der Männer!) durch die Jahrhunderte, ist es unwohl in ihrer Rolle, in ihrer steinernen Haut. „Ich frage mich, wie soll ich mich finden, wenn ich gar nicht weiß, wer ich bin.“ Das deutet auf kommende stressige Diskussionen, aber auch auf eine ambitionierte Frage, die sich durch den Abend zieht: Wer wählt aus welchen Gründen welche Perspektive auf den Uta-Mythos?

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