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Wir existieren

Das Pussy Riot Theatre als Agitprop im Geiste der Revolution

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/21/   Pussy Riot 2012 auf dem Roten Platz in Moskau. Foto Denis Sinyakov
Pussy Riot 2012 auf dem Roten Platz in Moskau. Foto Denis Sinyakov

Das sowjetische Theater ist dem Anspruch, dem Großen Roten Oktober ein ehrendes Andenken zu bewahren, verschiedentlich nachgekommen: War die russische Avantgarde in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Massenspektakeln und Reenactments noch ernsthaft auf der Suche nach einer adäquaten Form, wurde später die Revue als geeignet für dieses Anliegen befunden – frei von Widersprüchen, volksnah und doch staatstragend. Das postkommunistische Russland unter Wladimir Putin betont gerne seine lange christlichorthodoxe Tradition; es weiß um die Vorzüge von Zarenreich und Sowjetimperium. Doch Lenin kann kein historischer Bezugspunkt sein – ebenso wenig wie Gorbatschow. Stabilität ist die Maßgabe. Von Umsturz und Revolution will man nichts hören. So wird es in Russland kein offizielles Gedenken geben, wenn sich der Sturm auf den Winterpalast in der Nacht vom 6. auf den 7. November zum hundertsten Mal jährt – weder im Theater noch sonst wo.

Das ist eine Leerstelle, die das Performancekollektiv Pussy Riot – das nun den Zusatz Theatre im Namen trägt – mit einer Inszenierung unter dem Titel „Riot Days“ selbstbewusst füllt. Maria Aljochina, bekannt geworden durch ihre Verhaftung infolge des Auftritts in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale 2012, jener 41 Sekunden, die Russland erschütterten, steht im Mittelpunkt des Abends. Sie erzählt, singt und schreit zusammen mit einer Frau, die sie im Gefängnis kennengelernt hat, sowie zwei Musikern. Gemeinsam erfinden sie eine Punk-Revolutionsrevue, die das Publikum eine Stunde lang begeistert. „Wir existieren“, ruft Aljochina mit den drei weiteren Akteuren auf Russisch ins Mikrofon auf der Bühne des Frankfurter Mousonturms und ergänzt lautstark: „Pussy Riot!“ Das wird von frenetischem Applaus begleitet.

Eine der Tücken der russischen Sprache liegt darin, dass sie keine Entsprechung für das Verb sein im Präsens bereithält. Um sich seiner selbst zu vergewissern, ist man gezwungen, auf die ausdrucksstärkere und weitreichendere Formel „ich existiere“ zurückzugreifen. Dass immer mehr Menschen im Russland des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zu diesen zwei Wörtern gefunden haben, war das sprachliche Fundament für die Revolutionen von 1905 und 1917. „Wir existieren“, heißt es immer wieder von der Bühne. Gemeint ist damit vieles: oppositionelle Kräfte im gegenwärtigen Russland, die allzu schnell übersehen werden können; eine feministische und queere Bewegung, die dort vor existenziellen Herausforderungen steht und sich in akademischen Selbstgesprächen nicht selbst genügt; entrechtete Strafgefangene, die wiederholt in der russischen Geschichte zur Keimzelle des Aufbegehrens geworden sind.

Das Pussy Riot Theatre erzählt die Geschichte der Revolution als Selbstverständnis. In Videoprojektionen, Gesang und bruchstückhaften Berichten, unterlegt mit elektronischer Musik, erfährt das Publikum an diesem Abend von der gegenwärtigen Russischen Revolution – die Geschichte von Pussy Riot. Was nach Selbstüberschätzung klingt, überzeugt letztlich. Die Performerinnen, die in Deutschland vor allem als Popstars in buntem, witzigem Kostüm, als junge, gut aussehende Frauen im Kampf gegen Putin und für vermeintlich westliche Werte verstanden wurden, werden hier ins rechte Licht gerückt. Ihr Kampf war von tatsächlichen Entbehrungen bestimmt, Lagerhaft und Hungerstreik etwa. In Momenten, in denen ihre affirmative Haltung zur Revolution erkennbar wird, machen sie auch deutlich, dass es dabei nicht nur um Revolutionen von vor hundert Jahren gehen kann. Dass die Inszenierung hinter ihren theatralen Möglichkeiten zurückbleibt, ist dann auch nebensächlich. Die Energie und Ernsthaftigkeit, mit denen politische Forderungen vorgetragen werden, beeindrucken zutiefst. Dem Pussy Riot Theatre ist ein zeitgemäßes Agitprop-Stück gelungen. //

Quelle: http://www.theaterderzeit.de/2017/11/35666/komplett/