Auftritt

Graz: Nonsens eines kalten Herrn

Schauspiel Graz: „Faust :: Mein Brustkorb : Mein Helm“ (ÖEA) von Werner Schwab. Regie Claudia Bauer, Bühne Patricia Talacko, Kostüme Dirk Thiele

von

„Wer wird noch etwas wissen von ihm, wenn erst drei Jahre vergangen sind?“, ätzte der Kritiker Peter Iden nach dem Tod Werner Schwabs in der Neujahrsnacht 1994. Gar so schnell sollte der im Alter von nur 35 Jahren Frühverstorbene nicht dem Vergessen anheimfallen. Allerdings sind es tatsächlich nur ein paar wenige Stücke des ungeheuer produktiven Schreibwüterichs, die sich bis heute auf den Spielplänen gehalten haben – vor allem seine sogenannten „Fäkaliendramen“ „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ und „Die Präsidentinnen“. Mit dem Hype der frühen neunziger Jahre, als Schwab ein Popstar war wie Kurt Cobain, hat das allerdings nur noch wenig gemein. Der Nirvana-Frontmann verabschiedete sich wenige Monate nach Schwabs Tod mit einem Neil-Young-Songzitat aus dem Leben: „It’s better to burn out than to fade away.“ So ließen sich auch Schwabs Leben und Sterben überschreiben. Dass die Begeisterung der Bühnen für sein Werk heute nur noch auf Sparflamme flackert, erscheint da als bittere Ironie des Schicksals. Wo, wenn nicht in Schwabs Geburtsstadt Graz, wäre der rechte Ort für einen Versuch, sie neu anzufachen?

Raus aus dem Scheißhaus, rein in die Welt – Werner Schwabs „Faust :: Mein Brustkorb : Mein Helm“ (hier mit Florian Köhler (Video) und Fredrik Jan Hofmann) in der Regie von Claudia Bauer. Foto Lupi Spuma
Raus aus dem Scheißhaus, rein in die Welt – Werner Schwabs „Faust :: Mein Brustkorb : Mein Helm“ (hier mit Florian Köhler (Video) und Fredrik Jan Hofmann) in der Regie von Claudia Bauer. Foto Lupi Spuma

Schwabs „Faust :: Mein Brustkorb : Mein Helm“ hat bisher überhaupt erst zwei Inszenierungen erlebt: 1994 die postume Uraufführung in Potsdam (Regie Thomas Thieme) – da hagelte es Verrisse, auch für den Text; und drei Jahre später unternahm der Grazer Schwab-Freund Ernst M. Binder einen zweiten Versuch, allerdings fern der Heimat in Schwerin. Mehr war nicht. Weshalb dem Schauspielhaus Graz nun doch tatsächlich die Ehre der österreichischen Erstaufführung zufiel.

Schwabs „Coverdrama“, wie der Autor das Stück nannte, dekonstruiert Goethes Klassiker nicht. Eher handelt es sich um eine zuspitzende Überschreibung. Alle wesentlichen Szenen sind erkennbar (Osterspaziergang, Auerbachs Keller, Walpurgisnacht …), nur dass bei Schwab sämtliche Orte und Figuren Ausgeburten von Fausts Vorstellung sind. Schauplatz ist sein „Studierzimmergehirn“. Und: Gott ist längst tot. Oder wie Mephisto es formuliert: „Die Welt ist Nonsens eines kalten Herrn.“

In Graz ist die Bühne deshalb von einem Rundhorizont eingefasst, auf dem ein apokalyptisches Wasteland hingetuscht ist. In der Mitte steht ein Sperrholzverschlag, in den Regisseurin Claudia Bauer den Titelhelden samt einem Livekameramann eingesperrt hat. Dessen Aufnahmen werden auf die Außenwand der Holzkiste projiziert. Fausts Fantasiegestalten warten derweil schon mal draußen auf ihren Einsatz. Alsbald übernehmen sie Passagen von Fausts Anfangsmonolog, die sie oft chorisch sprechen und vor allem – durch die strikte Taktung eines metronomartigen Tickens – stark rhythmisiert. Im „Faust“ experimentierte Schwab mit Verssprache. Sein berüchtigtes „Schwabisch“ kommt deshalb stellenweise weniger verbalzotig und verwesungsverliebt daher. Bauers Formstrenge domestiziert es zusätzlich – zulasten der hier ohnehin weniger ausgeprägten prall-sinnlichen Sprachkraft des dialektalen Schwab-Kunstsprechs. Doch die Regisseurin gleicht das durch ihre saftige szenische Fantasie aus.

Kommentar hinzufügen

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel

Erst streicht die Stadt dem Autorentheaterprojekt Wiener Wortstätten die Förderung – dann droht ein EU-Projekt zu platzen. Mitgründer Bernhard Studlar im Gespräch

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Trauer um Ulrike Zemme

Ulrike Zemme, Chefdramaturgin des Theaters in der Josefstadt, ist im 62. Lebensjahr nach…

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker