Ausland

Hymne an die Solidarität

Wie das Dialog-Festival in Wrocław trotz gestrichener Subventionen in vollem Umfang über die Bühne ging

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Ein Volksfeind? – Bei Jan Klata, dem geschassten Intendanten des Stary Teatr in Krakau, wird diese Frage in seiner Ibsen-Adaption (hier mit Radosław Krzyowski und Juliusz Chrzastowski) bestechend aktuell. Foto Marcin Oliva Soto
Ein Volksfeind? – Bei Jan Klata, dem geschassten Intendanten des Stary Teatr in Krakau, wird diese Frage in seiner Ibsen-Adaption (hier mit Radosław Krzyowski und Juliusz Chrzastowski) bestechend aktuell. Foto Marcin Oliva Soto

Das Festival Dialog in Wrocław gilt als eines der besten Europas und ist wie viele der tonangebenden Theaterinitiativen Polens durch die Politik der Regierungspartei PiS in seiner Existenz bedroht. Die regulären Zuschüsse der Stadt wurden schon im Vorfeld gekürzt (als Folge des im vorangegangenen Jahr durch den Status als europäische Kulturhauptstadt arg strapazierten Haushalts?). Das Programm war deutlich kleiner als früher, aber es war klug zusammengesetzt. Vier ausländische und drei polnische Produktionen, dazu zwei weitere (eine sehr gute und eine sehr schlechte), aus taktischen Gründen im Beiprogramm versteckt, sowie zahlreiche Diskussionen. Das Ganze unter dem Titel „Onward! But where to?“. Dieses neunte Festival war das erste ohne Krystyna Meissner, Gründerin und bis dato Leiterin von Dialog Wrocław, die es aus Altersgründen an ihren langjährigen Mitarbeiter Tomasz Kireńczuk weitergab.

Für den kam es gleich knüppeldick. Die Einladung von Stanisław Wyspiańskis „Klątwa“ („Der Fluch“) in der Inszenierung von Oliver Frljić wurde vom Kulturministerium zum Anlass genommen, den üblichen Zuschuss zum Festival zu streichen, da solcher „Schmutz“ nicht aus öffentlichen Geldern finanziert werden könne. Dabei hatte Kireńczuk mit Brecht’scher List das Gastspiel vom Teatr Powszechny aus Warschau ins Beiprogramm gesteckt und es mit Crowdfunding finanziert, um sich der Erpressung zu entziehen. Wer wagt, gewinnt. Alle Kosten wurden durch die erhöhten Eintrittspreise gedeckt, nicht ein Steuer-Złoty verwendet. Doch das hielt das Ministerium nicht davon ab, den Zuschuss trotzdem zu kürzen, offensichtlich mit dem Ziel, das Festival zu erledigen.

Wegen der Kürzung verkündete der Intendant nur zwei Wochen vor dem Festival, dass die drei polnischen Aufführungen, „Hymne an die Liebe“ von Marta Górnicka, „Ein Volksfeind“ von Jan Klata und „Eine Geste“ von Wojtek Ziemilski, nun gestrichen werden müssten. Daraufhin brach eine beeindruckende Solidaritätslawine los. Privatpersonen, Institutionen, die eingeladenen ausländischen Theater – alle halfen, die polnischen Gastspiele zu retten, von Alain Platels les ballets C de la B über die Toneelgroep Amsterdam bis zum Maxim Gorki Theater (Koproduzent von Marta Górnickas „Hymne an die Liebe) und dem Goethe-Institut.

Jan Klatas Inszenierung von Ibsens „Volksfeinds“ am Stary Teatr in Krakau kam nicht nach Wrocław, sondern spielte zu Hause; die Zuschauer wurden in Bussen nach Krakau gebracht und nach der Vorstellung wieder zurück, was viel Geld sparte. Der Ausflug war anstrengend, aber wunderbar, auch er ein Zeichen des Protests, des festen Willens, sich das Festival nicht kaputt machen zu lassen. Dieses hatte hoch gepokert, aber auch hoch gewonnen, ein Publikum, das zusammenhält, durch dick und dünn geht, um sein Festival zu verteidigen – großartig. Und das Kulturministerium war gründlich blamiert.

Aber natürlich geht auch die Angst um, dass dieser „Dialog“ der letzte war. Wenn die ökonomische Zensur nicht mehr funktioniert, so die Befürchtung, dann wird es andere, erfolgreichere Schikanen geben. Die Vizekulturministerin antwortete jüngst in einem Interview auf die Frage, ob es eine Blacklist gebe: „Es gibt keine Blacklist, aber wir haben Regeln, an die wir uns halten.“ Das zielt auf Frljić und andere missliebige Künstler, und es ist eine deutliche Drohung.

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