Stück

Lasst uns über euch reden

Die Autorin und Regisseurin Laila Soliman über ihr Stück „No Desert Roses“ im Gespräch mit Lilly Busch

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Laila Soliman, in „No Desert Roses“ beschäftigen sich drei Frauen im heutigen Ägypten mit ihren persönlichen Lebenswegen und Krisen in einem Land, in dem sich nichts wirklich sicher anfühlt. Sie haben das Stück als Auftragsarbeit für das Edinburgh Festival und auf Englisch verfasst. Haben Sie durch diese Gegebenheit von vornherein beim Schreiben an eine bestimmte Bühne gedacht oder den Text an ein bestimmtes Publikum adressiert?
An eine Bühne habe ich nicht gedacht, aber an ein britisches, ein europäisches Publikum. Ich habe das Stück nicht geschrieben, um es zum Beispiel in Kairo zu zeigen, es hat einen spezifischen Ansprechpartner. Bei meinen Inszenierungen habe ich dagegen meistens zuerst ein ägyptisches Publikum im Auge.

Foto Ebtihal Shedid
Foto Ebtihal Shedid

Am Residenztheater wurde Ihr Theaterstück in einer szenischen Lesung vorgestellt. Was halten Sie von diesem Format? Welches Potenzial oder welche Grenzen hat es?
Das Stück ist in dem Wissen geschrieben, dass es als szenische Lesung präsentiert wird. Dessen war ich mir schon während des Schreibens bewusst und ich habe es mir nicht mit viel Bewegung vorgestellt. Grenzen gibt es in Bezug auf die Erarbeitungszeit, von der abhängt, inwieweit Rhythmus oder Emotionen sich entwickeln können.

Wie ist das für Sie, ein Stück in andere Hände zu geben, ohne genau weiterzuverfolgen, was damit geschieht?
Das kam noch nicht so oft vor, aber diese Art der Beziehung, also eigene Werke in andere Hände zu legen, habe ich eher zum Schreiben als zur Regie. Mit meinen Inszenierungen bin ich andauernd auf Tour und erlebe mit, wie sie aufgenommen werden. Aber das Schreiben ist anders. Und es ist eine gute Übung, Dinge loszulassen, sie ein eigenes Leben entwickeln zu lassen.

Eine der Frauenfiguren ist eine Autorin, die über ihr Schreiben und dessen Wirkkraft nachdenkt und die dadurch eine selbstreflexive Ebene einbringt, das Theater selbst thematisiert. Was bringt Sie persönlich zum Schreiben und welche Wirkung erhoffen Sie sich für Ihre Theaterarbeit?
Schreiben fühlt sich für mich wie ein Luxus an. Mein Antrieb ist hauptsächlich, zu inszenieren. Dabei habe ich Kontrolle über das Endprodukt, kann eine ganze Vision umsetzen. Wenn ich schreibe, ist es hauptsächlich fiktiv. Wenn ich inszeniere, ist es dagegen in letzter Zeit vor allem dokumentarisch, gemischt mit anderen Elementen wie Tanz oder Musik. Ich sehe die verschiedenen Aufgaben am Theater – Regie, Schreiben, Dramaturgie – gar nicht als so getrennt: In meinen Inszenierungen kann es passieren, dass ich auch am Text bastele, eigene Passagen verfasse. Aber ich inszeniere nie die Stücke, die ich schreibe. Es kann sein, dass ich Ideen für Theaterstücke habe, aber ohne dass ich gefragt werde, setze ich mich nicht an den Schreibtisch und schreibe ganze Stücke. So funktioniere ich nicht. Wenn ich inszeniere, dann ist es meine eigene Initiative. Da kommt es auch vor, dass ich selbst das Geld sammle, Koproduktionspartner suche … Es gibt Fragen, die für mich eine kontinuierliche Suche sind. Zum Beispiel das Thema des kollektiven Gedächtnisses, wie die Intensität des Lebens wiedergegeben werden kann auf der Bühne, die Beziehung zwischen Realität und Fiktion. Wie kann man Stücke machen, die Fragen stellen, die den Kopf einbeziehen, aber gleichermaßen auch den Körper und das Herz?

Ihre Theaterprojekte wurden auf vielen internationalen Bühnen gezeigt, in verschiedenen Sprachen und Kontexten, was für Sie auch mit vielen Reisen verbunden ist. Was bedeutet für Sie Internationalität in der darstellenden Kunst?
Ich frage mich selbst oft, was es bedeutet, wenn Leute „international“ sagen. Es hat etwas Bewertendes, als hätte jemand, der international tätig ist, es besser geschafft. International Arbeiten öffnet sehr viel, aber es gibt auch die Angst, sich darin zu verlieren, wenn eine Arbeit in unterschiedlichen Kulturen tourbar oder lesbar ist. Was ein Stück besonders macht, ist, wenn es spezifisch bleibt und trotzdem eine Ebene kreiert, die international etwas ansprechen kann. Manchmal fühlt es sich an wie ein Glück und manchmal auch komisch, wie viele Türen sich nach der Ägyptischen Revolution für mich geöffnet haben. Vielleicht hätte es unter anderen Umständen viel länger gedauert. Aktuell bin ich daran interessiert, mich nicht nur mit dem Ägyptischen auseinanderzusetzen und auch nicht so sehr in einem europäischen Kreis zu bleiben. Für mein eigenes Wachstum als Person und Künstlerin würde ich mich gern mehr auf eine Süd-Süd-Vernetzung konzentrieren, mit Künstlerinnen und Künstlern aus anderen afrikanischen Ländern zusammenarbeiten.

In „No Desert Roses“ gibt es eine als „kopflos“ beschriebene Figur, die Rezeptionistin der gynäkologischen Klinik, die nur als Stimme vernehmbar ist. Dieses Ausklammern der Körperlichkeit scheint Debatten über „die Situation von Frauen“, die meist anhand des weiblichen Körpers geführt werden, auf gewisse Weise zu unterlaufen, andere Ebenen der Diskussion zu öffnen – weil der Körper gar nicht anwesend ist. Was ist das für eine Figur?
Ich bin nicht sicher, ob ich sie als Person bezeichnen würde. Sie ist keine vollkommen menschliche Figur, eher eine Andeutung. Sie ist für mich eine Stimme der Normen, des Unkritischen, durch die eine Außensicht zu den Erzählungen der drei Frauen hinzukommt. „Kopflos“ kann man hier also in mehreren Wortbedeutungen verstehen. Sie dient auch dazu, einen Ort zu etablieren – mit all seinen Regeln. Die Gynäkologie als Ort, über den Frauen definiert werden: über ihr Geschlecht und alles, was damit zu tun hat. Mich beschäftigt, was es für die Identität einer Person bedeutet, wenn in einer Gesellschaft „honor and shame“ und Sexualität die definierenden Kriterien für Frauen sind.

Ihr Stück enthält eine starke Kritik an diskriminierenden Gesellschaftsstrukturen. Der Artikulationsraum der Figur A, einer sudanesischen Geflüchteten, scheint von Beginn an vorgeprägt durch die stigmatisierenden Vorstellungen anderer, die sozusagen schon im Raum sind, bevor sie die Bühne betritt. Sie kann sich nur in Reaktion auf bereits existierende Bilder äußern – und durchkreuzt diese in ihrer Erzählung vehement. Ist das Thema der Fremdzuweisung von Identitäten im Stück ein wichtiger Aspekt?
Die Frage der Stereotypisierung, der Identität und wie man von außen gesehen wird, rückt gezwungenermaßen noch mehr in den Vordergrund, wenn man die Heimat oder das Zuhause verlässt. Es liegt in der Verantwortung der Mitbürgerinnen und Mitbürger, ist aber vor allem auch eine politische Frage, wie ein Klima geschaffen werden kann, in dem Geflüchtete nicht nur Zahlen sind, sondern Gesichter haben und Wege finden können, ihre Talente zu zeigen – ihre Identität im menschlichen Sinne: Das, was man kann, das, was man mag. Als ich während meines Masters in Amsterdam gelebt habe, habe ich meinen privilegierten Status deutlich gespürt, ich war als Künstlerin zum Studium in Europa. Trotzdem habe ich oft den Drang gespürt zu sagen: Ich bin nicht als Geflüchtete oder Immigrantin hier, ich will nicht bleiben. Die Frage des Rassismus stellt sich in Europa, aber auch in Nordafrika, wo Geflüchtete aus Subsahara-Afrika eine Zwischenstation finden, bevor sie weiterkönnen Richtung Nordamerika, Europa oder Australien. Auch das Thema der Hautfarbe in Bezug auf soziale und ökonomische Privilegien – ich glaube, ich habe noch nie darüber in dieser Tiefe nachgedacht, bevor ich angefangen habe, in Europa zu arbeiten.

An anderer Stelle sagt die gleiche Figur: „Lasst uns über euch reden“ – eine Aufforderung an das Publikum, sich nicht nur in der Position der Zuhörenden zu wähnen, sondern auch aktiv das eigene Selbstverständnis zu befragen?
Wenn wir zum Beispiel über Militär- oder Polizeigewalt in Ägypten sprechen, passiert es oft, dass das Publikum eine pathetische Reaktion zeigt, im Sinne von „Ach ihr Armen, wie können wir euch helfen?“. Mich interessiert vielmehr, das Publikum zu Fragen anzuregen wie: „Kenne ich eigentlich die Politik in Deutschland? Bin ich damit einverstanden? Was macht das mit mir als Mensch und Bürger?“ Mir geht es weder darum, diejenigen als Opfer darzustellen, die physisch unter den Waffen leiden, noch um das Schuldgefühl derjenigen, die zuschauen. Es ist eine gemeinsame Verantwortung und sollte eine Erfahrung des Empowerments sein, den eigenen Status zu hinterfragen und zu überlegen, wie glücklich man damit ist. //

Quelle: http://www.theaterderzeit.de/2017/12/35728/komplett/