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Extrem eingreifendes Denken

Eine Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste über die Freundschaft von Walter Benjamin und Bertolt Brecht

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„Lieber Doktor, wann kommen Sie? Gedenken Sie Ihrer Bücher, des Schachs, der Stimme des Führers aus dem Radio und des Sohns des großen alten …“, schrieb Brecht im Frühjahr 1935 aus dem dänischen Exil an Walter Benjamin in Paris. Ein Jahr zuvor hatte der schon seine Bücher nach Svendborg geschickt, mit Brecht Schach gespielt, die Nachrichten aus Deutschland gehört und sich mit seinem Gastgeber über Kafka gestritten. Benjamins Aufzeichnungen der „Svendborger Gespräche“, die sich in den Sommern 1935 und 1938 fortsetzten, gehören zu den aufschlussreichsten Dokumenten dieser streitbaren Freundschaft, die mit Benjamins Tod auf der Flucht nach Spanien im September 1940 abbrach. Brecht schrieb als Nachruf vier Gedichte, die seiner Trauer um den Verlust auch eine historische Dimension geben.

Pflege der Ermattungstaktik – Brecht und Benjamin beim Schach in Svendborg. Foto Akademie der Künste Berlin
Pflege der Ermattungstaktik – Brecht und Benjamin beim Schach in Svendborg. Foto Akademie der Künste Berlin

Erdmut Wizisla, Leiter des Brecht- und des Benjamin-Archivs der Akademie der Künste Berlin, hat eine Ausstellung unter dem Titel „Benjamin und Brecht. Denken in Extremen“ kuratiert, die dieses widerspruchsvolle gemeinsame Denken durch Objekte, Bilder und Tondokumente sinnfällig macht und mit Kunstwerken und Videokommentaren auf ihre Bedeutung für gegenwärtige Diskurse verweist. Sie führt von Brechts Schachbrett und der Laotse-Figur aus seiner Bibliothek über neu aufgefundene Archivalien bis zu künstlerischen Arbeiten von Zoe Beloff, Edmund de Waal und Mark Lammert. Das Gestalterteam unter Leitung von Simone Schmaus hat den Ausstellungsstücken in den Räumen am Hanseatenweg erfreulich großzügigen Platz eingeräumt.

Interessant ist die Entdeckung einer Revision, der Benjamin 1939 seinen Kommentar zu Brechts „Lesebuch für Städtebewohner“ unterzieht. Darin fänden sich Verklärungen des Terrors von Stalins Geheimpolizei, und sein Kommentar sei eine Vertuschung der Mitschuld, die Brecht an dieser Entwicklung trage. In dieser extremen Umdeutung blitzt ein Extrem der Widersprüche auf, die ihre höchst gegensätzlichen Positionen durchziehen. Aber für Benjamin wie für Brecht lag gerade darin ihre Faszination und das entscheidende Moment: Dialektik als Passion, als Arbeits- und Lebensweise. Ihr Ziel blieb die Synthese, die Vermittlung der Extreme hin zu gemeinsam eingreifendem Denken. Daran sollten wir uns heute, wo ästhetische und politische Gegensätze oft nur als einander ausschließende Positionen vorgetragen und wahrgenommen werden, erinnern.

Darauf verweisen auch die Texte des Katalogs, in dem sich unter anderem Beiträge von Alexander Kluge, Ursula Marx und Marcus Steinweg finden sowie eine großartige Holzschnittfolge von Steffen Thiemann zu dem von Brecht und Benjamin konzipierten Kriminalroman „Mord im Fahrstuhlschacht“. Wie viele der gemeinsamen Projekte im Exil ist auch der nur Entwurf geblieben. Diese scharfkantigen Bruchstücke aus dem Dunkel der Archive an das Licht der Gegenwart gebracht zu haben ist das Verdienst dieser Ausstellung. //

„Benjamin und Brecht. Denken in Extremen“ in der Akademie der Künste am Hanseatenweg, Berlin, zu sehen bis 28. Januar 2018. Über das umfangreiche Begleitprogramm mit Lesungen, Konzerten und Theateraufführungen kann man sich unter www.adk.de/benjamin-brecht/ informieren. Der Katalog ist im Suhrkamp Verlag erschienen, er kostet 32 EUR.

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