Thema

Politik und Ironie

Am Zürcher Theater Neumarkt haben Peter Kastenmüller und Ralf Fiedler erfolgreich einen dritten Weg gefunden – zwischen Sprechtheater und Aktionskunst sowie Establishment und freier Szene

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Politische Odyssee am Konferenztisch – „Yanis Varoufakis: Adults in the Room“ am Theater Neumarkt in Zürich. Foto Judith Schlosser
Politische Odyssee am Konferenztisch – „Yanis Varoufakis: Adults in the Room“ am Theater Neumarkt in Zürich. Foto Judith Schlosser

Es ist ein verbreitetes Prinzip in der Schweiz, Situationen, Rechtslagen und insbesondere die Außenrolle der eigenen Nation zum Einzelfall zu deklarieren. Einen solchen müsse man jeweils gesondert behandeln und vor allgemeingültigen Aussagen bewahren. In diesem Sinne ist das Zürcher Theater am Neumarkt seit über fünfzig Jahren eine urschweizerische, weil ureigene Bühne. Das kleinere der beiden städtischen Sprechtheater zeigt im zweiten Geschoss eines Altstadthauses ein Repertoire, wie es nur ein kleines, wohlbesetztes und -behandeltes Ensemble ermöglicht. Koproduktionen rücken es zugleich in die freie Szene. Jeder Leitungswechsel bringt naturgemäß einen Wandel, doch der Boden darunter scheint fest. Mitbestimmung wird wie in der Politik ein bisschen freier gedacht, genauso ist aber auch zumindest von außen schwer zu ahnen, welches Theater da im Inneren betrieben wird.

Wenn man diesen Theatereinzelfall Neumarkt besucht, stehen die Chancen gut, amüsiert und ironisiert wieder herauszukommen. Dreht man die Eintrittskarte um, grüßt darauf die Kulturförderstelle des landesweit größten Detailhandelsunternehmens Migros: „Haben Sie etwas anderes erwartet als Theater? Wir auch nicht.“ Wie auch immer das gemeint ist – in den bald fünf Jahren unter Peter Kastenmüllers und Ralf Fiedlers Leitung wurde sehr oft partout nicht das gemacht, worauf man sich anhand der Vorankündigung hätte einstellen können.

Es gab verfremdete Klassiker, Aktionskunst und dazwischen einen treuen Brecht, Regisseurinnen haben ihre Vorlagen entschlackt und verdeutlicht oder im Fall von Sybille Berg ihren eigenen Text auf der Bühne unterboten. Eine Erwartung hingegen, die der Festakt zum 50. Jubiläum vor zwei Jahren unvermittelt weckte, wurde rückblickend geradezu anständig erfüllt. „Was tun? Ein Festakt“ hieß die Aufarbeitung der Neumarktgeschichte in Friederike Hellers Regie, die den Bogen weiter zurück zu den großen Zürcher Gästen Lenin und den Dadaisten spannte. Der Ensemblespieler Maximilian Kraus, der direkt von der Schauspielschule ans Haus kam, trat da als Dadaist Tristan Tzara auf und sagte: „In mir wirkten schon immer zwei gegensätzliche Mächte, die eine verlangt Geduld und Disziplin, die andere Radikalität.“

Wenige Wochen später fand die umstrittene Aktion „Schweiz entköppeln!“ von Philipp Ruchs Zentrum für Politische Schönheit statt. Die voodooeske Prozession unter Morddrohungen und Flüchen wollte den Publizisten und Politiker Roger Köppel von einem in ihm nistenden Nazi befreien und fand im Rahmen des Festivals „Krieg und Frieden“ statt. Kastenmüller brach die radikale Aktion offiziell nach 15 Minuten ab, lief aber trotzdem diszipliniert mit und stellte sich dann wochenlang ganz geduldig dem medialen Gegenwind. Vom Schweizer Radio zu dieser Provokation befragt, räumte er den Fehler ein, „diesen Dada-Schwachsinn“ nicht ausreichend als Kunst ausgewiesen zu haben. Das bürgerliche Lager war aufgebracht, SVP-Genossen von Roger Köppel lancierten bereits eine Initiative zur Aufkündigung aller Subventionen, biete doch das Neumarkt laut Daniel Regli „linkes, destruktives Unterhosentheater – wir müssen ihm den Stecker ziehen“.

Das war insofern ungünstig, als dass sich die Stadt schon zuvor dauernd fragte, wie viel Subventionen in ihre Theater fließen sollen und sich hypochondrisch daraufhin abtastete, ob sie nicht ein Überangebot an Kultur produziere. Das Theater Neumarkt bekam als Sonderling stets mit als erstes den mentalen Rotstift angesetzt. Und es hatte in Kastenmüllers und Fiedlers Anfangszeit noch eine sinkende Auslastung zu verzeichnen. Köppels Magazin Die Weltwoche hatte sich schon öfter für Kürzungen ausgesprochen, und im Stadtparlament war das linke Lager geschrumpft. Dem offenen Brief einiger Theaterschaffender, die sich von Ruchs Aktion distanzierten, folgte eine Richtigstellung, dass sie damit keinesfalls finanzielle Sanktionen verbinden würden. Dennoch wurden dem Haus für vergangenes Jahr aufgrund der Aktion „Schweiz entköppeln!“ einmalig 50 000 Franken gestrichen. Die große Empörung des Kulturbetriebs über diese Vermischung von Politik und Kultur blieb aus. Das mag am geringen Gewicht der Sanktion oder an der fehlenden Solidarität mit Ruch liegen – der Theatermacher Samuel Schwarz sprach öffentlich von einer Lähmung, die solche Maßregelungen kulturpolitisch auslöse. Das Theater Neumarkt konnte seine Auslastung trotz der Kontroversen und Kürzungen weiter erhöhen, und es hat eine gewisse Komik, dass sich die Sanktionen buchhalterisch fast korrekt niederschlagen: Im Vergleich zum Vorjahr fehlen im Betriebsergebnis 55 000 Franken.

Eine andere Reaktion des Theaters, nämlich die Ankündigung „von jetzt an nur noch nackt“, blieb hingegen ohne Folgen. Die Funken, welche zur Halbzeit der Kastenmüller-Zeit flogen, definierten das kühne Profil und das weitere Geschehen an diesem unbeugsamen kleinen Haus, das so geheimniskrämerisch und von sich selbst bezirzt, doch immer auch von sich selbst belustigt wirkt. Denn schließlich hat sich der studierte Philosoph Kastenmüller als Deutscher in der Schweiz vertraglich zu experimentellem Theater verpflichtet. Dieses wird in jeder Spielzeit auf jeweils drei thematische Plattformen gestellt, die ebenso wie die Plakate gerne auf realpolitische Verhältnisse abzielen. Neben den starken Regiehandschriften von Tom Kühnel, Katrin Hentschel oder Heike M. Goetze zeigt auch der Direktor selbst kluge Regiearbeiten, zuletzt etwa die assoziative Bulgakow-Adaption „Meister und Margarita“, worin sich die Spieler Simon Brusis und Miro Maurer ein weiteres Mal als starkes Duo hervortun konnten. Auch die beeindruckende Sandra Hüller trat hier mit Wolfgang Herrndorfs Romanfragment „Bilder deiner großen Liebe“ auf.

Weil die aktuelle Plattform einen alpinen Circus Maximus vorsieht, hat der Bühnenbildner Jo Schramm den Zunftsaal zur Arena umgebaut. Darin wurden auch unlängst die Memoiren der Linksikone Yanis Varoufakis dramatisiert. Sein Beststeller „Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment“ wurde glücklicherweise nicht ehrfürchtig überhöht, sondern als politische Odyssee am Konferenztisch ausgetragen, hautnah und unspektakulär. Auch hier brach die Realität ins Spiel ein, hatte doch Wolfgang Schäuble, der als Figur im Rollstuhl auf der Bühne saß, am selben Tag im wirklichen Leben verkündet, künftig nicht mehr als deutscher Finanzminister bereitzustehen. Und trotz des verzettelten Themas Europapolitik gelang es dem Ensemble, eine szenische Lesung mit Situationskomik zu versetzen.

Das ist die Kunst an diesem Haus: beschwingte Feste der Schauspielkunst, versehen mit einem Schuss Hedonismus, aber bissig und wach. So herrscht eine Atmosphäre, die für die Ideenwelten von Milo Rau über Michel Friedman bis zu Michel Houellebecq Platz bietet. Und die Vorliebe für Italianità und Disco, die fast zwangsweise zu den beiden Herren Carsten Meyer und Jacques Palminger führen musste. Mit dem italienischen Liederabend „Crisi di Nervi“ wurde das Ende der letzten Spielzeit gefeiert. An Silvester kam er nochmals zurück an den Neumarkt 5. Am 18. Januar steht zudem eine vielversprechende Uraufführung in der Regie von Tom Kühnel an, nämlich Robert Menasses Roman „Die Hauptstadt“, welcher kürzlich mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde.

Kastenmüller und Fiedler haben sich sichtbar warmgelaufen in ihrem Circus Maximus zwischen Sprechtheater und Aktionskunst. Es ist ein Theater für das Establishment geblieben, auch wenn das im Gegensatz zur vorherigen Leitung nicht mehr im Untertitel steht. Ein Ort, an dem sich durch den Begriff „Unterhosentheater“ aber wohl kaum jemand beleidigt fühlt. Die Besucherzahlen entwickeln sich vergleichsweise gut. Und so wie Kastenmüller und Fiedler ihre eigene Version des vielbeschworenen „dritten Weges“ fanden, muss sich in eineinhalb Jahren die Nachfolge traditionsgemäß einen eigenen suchen. Am 15. Dezember wurden in Zürich Julia Reichert, Tine Milz und Hayat Erdoğan als neue Leitung des Theaters Neumarkt ab dem Jahr 2019 präsentiert. //

Quelle: http://www.theaterderzeit.de/2018/01/35890/komplett/