Protagonisten

Unter der Maske des Managers

In „Staat 1–4“ von Rimini Protokoll werden die Zuschauer zu Akteuren auf den Großbaustellen der (Post-)Demokratie. Helgard Haug und Stefan Kaegi im Gespräch mit Christoph Leibold

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Wo Staatsmänner sich bei CEOs bewerben - Weltzustand Davos (Staat 4) von Rimini Protokoll am Schauspiel Zürich 2018. Foto Benno Tobler
Wo Staatsmänner sich bei CEOs bewerben - Weltzustand Davos (Staat 4) von Rimini Protokoll am Schauspiel Zürich 2018. Foto Benno Tobler

Helgard Haug, Stefan Kaegi, in „Staat 1–4“ setzen Sie sich mit Phänomenen der Postdemokratie auseinander. Dabei ging es um global agierende Geheimdienste (Staat 1); um Großbaustellen als Modell der globalisierten Gesellschaft (Staat 2); um Prozesse der Meinungsbildung im digitalen Zeitalter (Staat 3); sowie um das Weltwirtschaftsforum in Davos (Staat 4). Wie kam es zu dieser Auswahl an Szenarien?
Helgard Haug:
Wir haben die Stücke ortsspezifisch entwickelt. Wir wollten die Phänomene an den Orten verankern, wo die Projekte erarbeitet wurden. „Top Secret International (Staat 1)“ entstand, zum Beispiel, in München, von dort ist es nicht weit zum ehemaligen Sitz des BND in Pullach. Am Flughafen Zürich steigen die VIPs von ihren Privatjets um in die Hubschrauber, die sie nach Davos bringen. Und so gibt es für alle Abende Verbindungen zwischen dem Ort der Entstehung und dem Thema. Gleichzeitig versuchen wir die Dinge immer so zu erzählen, dass sie eine Gültigkeit über den Entstehungsort hinaus haben.
Stefan Kaegi: Und natürlich wären noch andere Szenarien denkbar.

Der Staat sollte – zumindest in Ländern wie den EU-Staaten – Garant für den Erhalt der Demokratie sein. Wie ist in dem Zusammenhang der Titel „Staat“ zu verstehen, wenn es doch um Postdemokratie geht. Ironisch?
Kaegi:
Wir porträtieren den Staat, wie er sich transformiert. Er entwickelt sich hin zur Postdemokratie …
Haug: … deshalb sind das keine Gegensätze: Staat und Postdemokratie.
Kaegi:
Unlängst in Davos beim echten Weltwirtschaftsforum hat man beobachten können, wie sich Staatsmänner bei den CEOs der wichtigen Wirtschaftsunternehmen geradezu bewerben, damit die in ihren Ländern investieren. Da wurde deutlich sichtbar, dass nicht mehr der Staat die Regeln setzt. Von daher: keine Ironie. Eher eine Zustandsbeschreibung.
Haug:
Uns interessiert die Frage, wie unterschiedliche Mächte miteinander verwoben sind. Geheimdienst und Demokratie schließen sich, wenn man es genau nimmt, gegenseitig aus – dennoch benötigt auch ein demokratischer Staat einen Geheimdienst, er setzt ihn ein und beauftragt ihn sogar. Doch inwieweit hat der Staat das noch unter Kontrolle? Wo kooperiert der Staat mit konkurrierenden Kräften? Und wie wirken nicht demokratisch legitimierte Kräfte, wie die Wirtschaft, auf die Politik ein? Wer dominiert wen?
Kaegi: Bei der Recherche zu „Gesellschaftsmodell Großbaustelle (Staat 2)“ haben uns Städteplaner gesagt, sie hätten im Planungsamt gar nicht mehr die Ressourcen, die großen Masterpläne für die Zukunftsentwicklung ihrer Stadt selbst zu entwickeln. Deshalb würden Konzerne, die später Auftragnehmer werden, ohne öffentlichen Auftrag Ideen entwickeln, die dann die Stadt mehr oder weniger so übernimmt. Man sieht an diesem Beispiel gut, wie der Staat eine Domäne aufgibt, die dann in den privaten Sektor hinüberwandert.

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