Auftritt

Rudolstadt: Lachen über dem Abgrund

Theater Rudolstadt: „Der Meister und Margarita“ nach Michail Bulgakow von Niklas Rådström. Regie Alejandro Quintana, Ausstattung Henrike Engel

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„Stoi!“ Man spricht anfangs nur russisch hier in Rudolstadt bei Bulgakows „Der Meister und Margarita“. Doch die Zuschauer irritiert das nur mäßig, vielleicht erinnert es die Älteren an andere Zeiten? „Stoi!“ heißt „Bleib stehen!“. Aber die Zeit bleibt nicht stehen, die Geschichte auch nicht, nur der Einzelne wird gezwungen – oft mittels eines auf ihn gerichteten Gewehrs – stehen zu bleiben. Der Einzelne ist in der Geschichte immer der Dumme.

Weder Zeit noch Geschichte stehen still – „Der Meister und Margarita“ (hier mit v.l.n.r.: Marie Luise Stahl, Matthias Winde und Johannes Geißer). Foto Lisa Stern
Weder Zeit noch Geschichte stehen still – „Der Meister und Margarita“ (hier mit v.l.n.r.: Marie Luise Stahl, Matthias Winde und Johannes Geißer). Foto Lisa Stern

Die Volksmassen demonstrieren unter Stalin-Bildern, rote Fahnen schwenkend, genauer: Man lässt sie demonstrieren zum Ruhme des großen allwissenden Lehrmeisters des Volkes. Die Sowjetunion in den 1930er Jahren war längst nicht mehr vom revolutionären Geiste getragen, das Volk feierte nicht mehr sich selbst und den „neuen Menschen“, der sich aus seiner Mitte erheben sollte – sondern es feierte seine Führer gezwungenermaßen, denn etwas hatte von den Menschen Besitz ergriffen: pure Angst. Der „neue Mensch“ entpuppte sich als alter Untertan.

Das ist die Szenerie, in der Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“ entstand. Ein Abgesang auf das Pathos der neuen Gesellschaft, an dem Bulgakow bis zu seinem Tod im Jahre 1940 schrieb. Erscheinen durfte der Roman in der Sowjetunion erst 1967 – und in der DDR wurde er in den achtziger Jahren zum Kultbuch der intellektuellen Jugend. Voland, so der Name des Teufels, der Moskau in Brand setzt wie einst Nero Rom, wurde zur Geheimchiffre des oppositionellen Geistes.

Nach „Die Bibel“ hat Alejandro Quintana nun für Rudolstadt diesen großen Roman auf die Bühne gehievt (beide Male in den Spielfassungen von Niklas Rådström); dem einen sperrigen Stoff, der zum Publikumserfolg wurde, folgt schon der nächste. Quintana, der als Exilchilene ab den 1970er Jahren das Rostocker Volkstheater mitprägte, hat seinen Regiestil auf irritierende Weise zu konservieren vermocht. Bar aller Modernismen bebildert er den Text, Chöre singen im bonbonbunten Bühnenbild von Henrike Engel mal auf Deutsch, mal auf Russisch. Das hier droht ästhetisch gesehen zu einer durchdringend farbenfrohen Revue zu werden. Doch „Stoi“! In der Inszenierung steckt mehr als der Wille zum bunten Abend: Allzeit spürt man den demütigen Ernst Bulgakows Text gegenüber. Da ist der gewöhnliche Schrecken der postrevolutionären Geschichte, als die Umstürzler von gestern zu Kleinbürgern einschrumpfen, zu Anzug- und Aktentaschenträgern: die kleine heile Welt der korrupten Funktionäre.

So gesehen ist die Ankunft des Teufels mitten im Herzen der sozialistischen Sowjetunion auch ein lauter „Stoi“-Ruf! Die berufsmäßigen Gesundbeter sind längst selbst todkrank, an ihren Rezepten sterben wir. Das proklamierte Gute ist hohl und dumm geworden, die Reden vom Wohl des Volkes sind nicht mehr als Propaganda-Lüge. Da ist das Erscheinen von einem, der stets das Böse will und doch das Gute schafft, durchaus ein Lehrstück über die Dialektik, die hier längst den Dogmatikern gehört. Der Teufel bringt die Hoffnung auf Bewegung, egal wie und wohin, zurück!

Da steht also Voland (sehr abgeklärt und müde, einer, der alles weiß und gesehen hat: Matthias Winde) vor einer Parkbank in Moskau. Hier nimmt der feiste Literaturfunktionär Berlioz (herrlich schmierig: Markus Seidensticker) gerade ein Jesus-Poem des Dichters Besdomny (Benjamin Petschke) auseinander, das er so keinesfalls drucken wird. Da mischt sich erstmals Voland ein. Er könne aus seinen Gesprächen mit Pontius Pilatus und Jesus allerdings bezeugen, dass Letzterer – zum Missfallen aller Atheisten – tatsächlich gelebt habe. Klarer Fall von Verrücktheit. Aber Voland lässt sich nicht beirren: Er räumt ab jetzt gründlich auf mit all den Apparatschiks, die ihm in Moskau in die Quere kommen.

Nur der Meister, Autor eines verbotenen Romans über Pontius Pilatus (Marcus Ostberg) und Margarita (eindringlich in ihrer Ungebrochenheit: Anne Kies) finden vor des Teufels Augen Gnade. Hier geht Bulgakow noch einen weiten Schritt über Majakowskis „Schwitzbad“ hinaus. Der alltägliche Schrecken mündet in die Groteske, wird zum Panoptikum menschlicher Mittelmäßigkeit. Denn wo trifft man noch Dichter in dieser dürftigen Zeit? Nur noch im Irrenhaus, in der Psychiatrie als sowjetüblicher Maßregel gegen unbotmäßige Künstler. Das ist ebenso komisch wie erschütternd anzuschauen.

Allerdings hätte Quintana so wenig unterhaltsamen Dingen wie dem Leid und der Angst Einzelner durchaus etwas mehr zeitstillenden Raum geben können. Denn Bulgakows Teufelsgeschichte, so witzig sie daherkommt, ist schließlich ein Lachen über dem Abgrund. //

Quelle: http://www.theaterderzeit.de/2018/03/36012/komplett/