Auftritt

München: Im äußersten Norden der Menschlichkeit

Münchner Residenztheater: „Am Kältepol – Erzählungen aus dem Gulag“ (UA) von Warlam Schalamow. Regie Timofej Kuljabin, Bühne Oleg Golovko, Kostüme Galya Solodovnikova

von

Blau und Gold und Türkis, kleine glitzernde Steine und mäandernde Muster – über das Portal des Lübecker Theaters schweift das Auge gern, hier regiert der strenge Jugendstil des berühmten Theaterbauers Martin Dülfer, der dem Haus 1908 seine Gestalt gegeben hat. Dort spielt im Jahr 2018 eine dreieinhalbstündige Dramatisierung von Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“.

Wie lässt sich das Unvorstellbare auf die Bühne bringen? – „Am Kältepol – Erzählungen aus dem Gulag“ von Warlam Schalamow in der Regie von Timofej Kuljabin. Foto Matthias Horn
Wie lässt sich das Unvorstellbare auf die Bühne bringen? – „Am Kältepol – Erzählungen aus dem Gulag“ von Warlam Schalamow in der Regie von Timofej Kuljabin. Foto Matthias Horn

Der Schauspieldirektor des Hauses, Pit Holzwarth, hat sich darangemacht, den über tausendseitigen Roman in eine Bühnenfassung zu verwandeln und diese auch zu inszenieren. Das Unterfangen ist komplex, denn die Interpretationsdichte dieses „Jahrhundertbuchs“ ist so vielfältig wie sein Umfang groß.

Von der Deutung wird auch im Vorfeld und im Programmheft der Inszenierung viel gesprochen, hier geht es schließlich um die ganz großen Themen der Menschheit: Schuld, Gott und Gerechtigkeit, Ethik, auch das Reformationsjubiläum wird beschworen. Das Signet der Aufführung ist der Schattenriss des auf einem Esel reitenden Jesus – die Geschichte um die Krise der Familie Karamasow, den Mord am Patriarchen Fjodor und dessen Aufklärung soll eine theologische Dimension haben. Das ist auch zweifelsohne wirkungsgeschichtlich nachvollziehbar.

Der Eindruck ist zunächst gut. Eine ansehnliche Bühnenkonstruktion (Ausstattung Werner Brenner) ragt über den Orchestergraben des Mehrspartenhauses, man sieht eine Art modernistischen Kreuzgang, irgendwo zwischen Walter Gropius und kalifornischer Moderne angesiedelt, der schmale Arkadengang ist ebenso weiß gefasst wie drei übereinandergestapelte Kuben im Zentrum der Bühne. Diese Kuben sind Spielorte, ihre Front ist von Lamellenjalousien verdeckt, die nach Bedarf geöffnet werden, aber auch als Fläche für Videoprojektionen dienen.

Weiterhin ist da eine gefällig zu hörende, halbakustische Bühnenmusik (Willy Daum). Sie besteht aus ein paar Leitmotiven und illustrierenden Sounds, die Spannungsspitzen in der Handlung kennzeichnen sollen, so wie man das aus dem Sonntagskrimi kennt. Und es gibt merkwürdige Ensemblesongs, die in ihrem poppigen Mystizismus an Peter Maffay oder an die Schlagerträumer von Pur erinnern, sich dann aber als Rio Reiser entpuppen: „Zauberland ist abgebrannt“ wird da gesungen. Gelegentlich hapert es hauchzart mit den Anschlüssen zwischen Musik und Text, doch das sind nur die kleineren handwerklichen Stolperer.

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