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Selbstbestimmung und Gefährdung

Das Theater am Rand im Oderbruch feiert sein zwanzigjähriges Bestehen – und kann auf eine einzigartige Entwicklung zurückblicken

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Die öffentliche Storchzählung beginnt in dem Ort Zollbrücke im Oderbruch erst in diesem Jahrtausend. Sie verzeichnet kontinuierliche Zuwächse, wie auf einer Tafel in dem kleinen Ort im Schatten des Oderdeichs zu entnehmen ist. Noch vor den hier vermerkten Störchen kamen der Musiker Tobias Morgenstern und der Schauspieler Thomas Rühmann und gründeten das Theater am Rand. Es wurde berühmt, weil man hier Austritt statt Eintritt zahlt.

„Hier merkt’s keiner“ – das war der Satz, der die Gründungsstimmung an der Oder vor zwanzig Jahren prägte, erinnert sich Almut Undisz, Frau der ersten Stunde und mittlerweile Geschäftsführerin des Theaters am Rand. „Gründung kann man das eigentlich gar nicht nennen. Es ist einfach passiert“, wirft Tobias Morgenstern ein, einer der beiden Gründer, nein: Geschehenlasser hier kurz vor dem Deich. Passiert ist dieses Theater, weil Morgenstern und Rühmann gemeinsam ein Stück entwickelt hatten. „Wort und Musik gleichberechtigt, beides miteinander und ineinander verflochten“, wie Morgenstern die Arbeitsweise beschreibt. Das Problem: Die Worte stammten aus einem Roman. Und die Rechte waren nicht zu bekommen. Gespielt haben die beiden trotzdem. In der Stube des Hauses des einstigen Zimmermanns von Zollbrücke, vor Freunden und Bekannten. In der bangen Hoffnung, hier merke es doch keiner.

Unbemerkt ist das Theater trotz seiner Randlage 80 Kilometer östlich von Berlin an der deutsch-polnischen Grenze schon lange nicht mehr. Freunde holten ihre Freunde. Berliner kamen in die Gegend, die ihnen zuvor allenfalls durch das Oderhochwasser bekannt war. Auch die Menschen aus der Umgebung kamen. Kultur ist rar hier. Das nächste Theater, in Schwedt, ist knapp fünfzig Kilometer entfernt, Frankfurt an der Oder etwa sechzig Kilometer. Bad Freienwalde, rund zwanzig Kilometer entfernt, ist eher für die steil in den Oderbruchhimmel ragende Skisprungschanze bekannt. Weil das Bedürfnis nach Kultur trotz mangelnder Angebote aber da ist, wuchs das Theater am Rand. Von der Stube im Fachwerkhaus, die auf zwanzig Menschen ausgelegt war, mitunter aber auch vierzig fasste, wenn alle zusammenrückten, hin zu einem Amphitheater für fünfhundert Menschen und einem neuen Theatergebäude für zweihundert. Dessen Bühnenturm erlaube, so versichert Morgenstern, dass sogar Akrobaten hoch durch die Luft wirbeln können. „Wir haben das nur viel zu wenig selbst genutzt“, schränkt er ein.

Offenheit gibt es aber auch auf der Horizontalen. Denn dank der Freilichtbühne und der sich öffnen lassenden Bühne des neuen Hauses kann das Oderbruch selbst hineindringen ins Theater. Die Weite der Landschaft wird zur theatralen Szenerie. Auch das Programm selbst wuchs. Morgenstern lud Musikerkollegen für Konzerte ein und Schauspielkollegen für Lesungen und kleine Programme. Er entwickelte zudem die Veranstaltungsreihe Randthema. Darin geht es um ökologische Landwirtschaft und Regionalgeld, Abfallwirtschaft und die Erhaltung alter Pflanzenarten.

Die letzte große Eigenproduktion im Theater hatte ebenfalls politische Relevanz. Im „Schimmelreiter“ geht es schließlich um Deiche und Dämme, um Technikgläubigkeit und die Urkräfte des Wassers. Sogar Matthias Platzeck, der ehemalige Ministerpräsident von Brandenburg und „Deichgraf“ des Hochwassers von 1997, kam zu einer „Schimmelreiter“-Vorstellung. Regie führte bei diesem Stück Christian Schmidt, ein Berliner Schauspieler und Regisseur, der im Oderbruch ein Haus besitzt. Er ist Teil der Verjüngung, die Morgenstern, Rühmann und Undisz anstreben. „Wir wollen aber nicht nur jüngere Leute auf und neben der Bühne, sondern auch im Zuschauerraum“, sagt Undisz. Partiell klappt das schon. Das Theater am Rand bietet Schulvorstellungen an. Ein theaterbegeisterter Schüler aus Bad Freienwalde komme sogar regelmäßig mit dem Fahrrad zu den Vorstellungen, erzählt Undisz. Damit es mehr werden, wollen Rühmann und Morgenstern einen kleinen Film drehen, wie sie selbst mit dem Rad von Bad Freienwalde nach Zollbrücke fahren.

Diese Bemühungen weisen auf einen Wandel hin. Das Theater verlässt sich nicht mehr auf die Mundpropaganda, jene tollen Erzählungen vom sympathischen Theater am Rande des eigenen Wahrnehmungshorizonts, in dem man nicht Eintritt, sondern erst beim Herausgehen das zahlt, was einem der Abend selbst wert war. Nein, die Beteiligten sind zu Getriebenen ihres eigenen Erfolgs geworden. Zwanzig Personen sind derzeit im und um das Theater beschäftigt, technische Mitarbeiter, Gärtner, Köche und Kellner im Restaurant Randwirtschaft. Zusammen sind das eine Person mehr, als der Ort Zollbrücke Einwohner zählt. All die neue Infrastruktur muss aufrechterhalten, all die Menschen, die sie tragen, müssen bezahlt werden. Zweihundert Personen pro Vorstellungstag nach Zollbrücke zu locken, ist etwas anderes, als mit zwanzig noch zufrieden, mit vierzig glücklich und mit sechzig Zuschauern in aller Euphorie fast schon überfordert zu sein – wie damals in den Anfangsjahren. „Früher haben wir mehr agiert, jetzt reagieren wir vor allem“, beschreibt Morgenstern die Veränderung. Bei aller Fesselung an die selbst konstruierte Maschine ist bei Morgenstern und Undisz aber weiter die Freude an der selbstbestimmten Arbeit und der Stolz auf das Erreichte zu verspüren.

Morgenstern freut sich vor allem auf die Proben mit Rühmann zu ihrem neuen gemeinsamen Stück, wenn wieder Musik und Wort miteinander verknüpft werden. Vorlage ist dieses Mal Sándor Márais Roman „Die Glut“, Premiere ist am 8. Juni. „In das Stück werden wir auch einen Rückblick auf die zwei Jahrzehnte unseres Theaters einflechten“, blickt er voraus. Dass es keiner bemerken wird, davon sollte man nicht ausgehen. Als langfristige Aufgabe sieht Morgenstern es an, den Übergang des Theaters in die Hände der nächsten Generation vorzubereiten. Das wäre ein neues Motto: Weitblick am Rand. //

Anfang Mai erscheint im Verlag Theater der Zeit das Buch „Theater am Rand. Bilder zum 20. Geburtstag“. Es wird am 8. Mai in der Theaterbuchhandlung Einar & Bert in Berlin und am 13. Mai im Theater am Rand im Oderbruch vorgestellt.

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