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4 Uhr 11

Wie die Reihe Aus dem Hinterhalt der Deutschen Oper Berlin und das Festival MaerzMusik Einblicke in die Factory des zeitgenössischen Komponierens bieten

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„Heute morgen, um 4 Uhr 11.“ Beats, Beats, Beats in Tokio, New York und Berlin. Ichentgrenzung und Zeitverlust. Über die Nacht herrschen die Maschinen. So war das Gefühl Mitte der neunziger Jahre, als der Autor Rainald Goetz auf seinen Trips durch die Clubs die Nachtseite der damaligen Gegenwart sezierte. Heute ist diese Subkultur zu einem Tool des City Marketings verkommen. Heiße Dates werden nicht mehr auf dem Dancefloor, sondern auf Tinder geschmiedet, während sich das Stakkato der industriellen Produktion zum Säuseln künstlicher Intelligenz gewandelt hat. Call me Siri oder Alexa. Entkörperlichte Stimmen.

Zwischen Tag und Nacht, Leben und Werk – „The Long Now“ im Kraftwerk Berlin, hier eine Performance des Soundwalk Collective. Foto Camille Blake / Berliner Festspiele
Zwischen Tag und Nacht, Leben und Werk – „The Long Now“ im Kraftwerk Berlin, hier eine Performance des Soundwalk Collective. Foto Camille Blake / Berliner Festspiele

In der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin ist die Sängerin Dorothea Herbert daher wie ein seltenes Exemplar ausgestellt. In einer gläsernen Kabine sitzend, singt sie Ausschnitte aus Erich Wolfgang Korngolds Oper „Das Wunder der Heliane“. Der Zuschauer sieht sie zwar, aber hört sie nicht, zumindest nicht so, wie es die Konvention der Oper verlangt. Ihre Stimme ist ortlos, wandert elektronisch verzerrt quer durch den Raum. Im Gefüge der Oper, wo Stimme und Körper derart emotional verknüpft sind, kommt dieser Moment einer Zertrümmerung gleich. Das Elektroduo Amnesia Scanner würde sagen: einer Umprogrammierung.

Die Reihe Aus dem Hinterhalt der Deutschen Oper Berlin soll ein Beschuss der Oper aus verdeckter Stellung sein. Seit drei Jahren laden Dramaturgin Dorothea Hartmann und Regisseurin Alexandra Holtsch Gastkünstler wie Peaches oder die Einstürzenden Neubauten ein, je einen Abend mit Sängern und Musikern der Deutschen Oper zu konzipieren. Einen one shot. Als Ausgangsmaterial dienen dabei die großen Opernstoffe, die im Haupthaus zur Premiere kommen. Um ein bloßes Crossover der Genres geht es den beiden Initiatorinnen dabei nicht. „Es sollen eigenständige Werke entstehen“, sagt Holtsch, „die sich zueinander verhalten wie Dokument und Kommentar.“

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