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"Glück auf!"

Glück auf!
60 Jahre Theater Senftenberg

Herausgegeben von Sewan Latchinian, Harald Müller

Broschur mit 176 Seiten
Format: 230 x 270 mm
Preis EUR 18,00

ISBN 978-3-934344-74-4

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Glück auf!

60 Jahre Theater Senftenberg

Herausgegeben von Sewan Latchinian, Harald Müller

Vorwort

In den letzten Monaten, besonders seit der Wahl zum »Theater des Jahres« 2005/06, bin ich sehr oft gefragt worden: Wie ist es möglich, in der Provinz im Osten mit so wenig Geld in so kurzer Zeit so viel Kunst zu machen - und mehr als Kunst?

Ich beantworte diese Frage immer gern oder versuche es zumindest, denn mich freut Interesse und ein bisschen stolz bin ich schon auf uns. Und ich antworte auch aus Verantwortungsbewusstsein, denn das Theater, die Kunst, die Kultur sind stets bedroht durch Barbarei, und aktuell durch eine Krise der Finanzierung, durch vermeintlichen Bedeutungsverlust und auch durch die Theatermacher selbst.

Natürlich gehört zu unserem Erfolg auch ein Quäntchen Glück. Aber vor allem Arbeit. Eigentlich kann nicht die Rede sein von: »kurzer Zeit«. Denn ich zähle alle 60 Jahre bis heute dazu. Viele Kollegen, die heute hier an unserem Erfolg beteiligt sind, sind viel länger als ich hier in Senftenberg, da haben sich Generationen Arbeitsmoral, Elan und Kenntnisse weitergegeben. Diese Energien sind nicht verloren, wie auch all die Energie der Braunkohle nicht. Es gab nur Verwandlungen (ein typisch theatraler Vorgang).

Man spürt das körperlich und seelisch als Spannung über dem Areal des Theaters, die den Ort magisch macht. Die Zukunft, an der wir (auch für unser Theater) arbeiten, hat also eine Herkunft. Dies ist uns bewusst. Geschichtslosigkeit ist unsere Sache nicht. Wir sind allen dankbar, die vor uns hier für die Kultur gearbeitet haben und freuen uns auf diejenigen nach uns. Auch der Begriff Osten meint für mich gerade in Theaterhinsicht nicht Entwicklungsland, sondern Avantgarde.

Provinz ist sowieso nur da, wo man sie zulässt.

Nur das mit dem Geld, das ist in der Tat ein Thema, das uns allen oft Kopfzerbrechen bereitet. Manchmal ahne ich, dass die Methode, die Art, die Variante Theaterkunst, die wir hier (Not macht erfinderisch) in Senftenberg entwickeln, ein Pilotprojekt für viele Theater sein könnte, deren künftige Probleme hier in Senftenberg und der Region nur schon etwas früher und härter Lösungen verlangen. Dabei gibt es das Wort Problem schon mal für uns in Senftenberg grundsätzlich nicht mehr. Wir haben es einfach »weggekürzt« und sprechen lieber von spannenden Aufgabenstellungen. Der Zwang, aus materiellem Mangel durch Elan poetischen Reichtum kre­ieren zu müssen, ist eine große Chance. Vielleicht sogar die Rückkehr zum Ursprung von Theater. Ich habe am Deutschen Theater Berlin früher einmal »Die Präsidentinnen« in einem Bühnenbild für 120 000 DM inszeniert und ich habe in Senftenberg »Die Präsidentinnen« in einem Bühnenbild für 400 EUR gemacht - und es war besser. Viel Geld heißt nicht logisch viel Kunst, obwohl wenig Geld auch nicht automatisch gute Kunst hervorbringt. Theater ist eben unbezifferbar, verweigert sich seinem Wesen nach wirtschaftlicher Effizienz. Trotzdem spielt Geld leider immer öfter eine Rolle. Aber die Hauptrolle spielt unser Publikum. Denn für uns hat Theater zu förderst mit Empathie zu tun. Also der Fähigkeit, sich in ­andere hineinzuversetzen, in Figuren, in Zeiten, Verhältnisse, Zuschauer oder auch die eigenen Kollegen. Und deshalb ist unsere Priorität: Geschichten klar und einfach und berührend erzählt, von unseren wunderbaren Schauspielern, für unser Publikum aus der Stadt und der Region und immer wieder gern auch für andere Gäste. Aus dieser Priorität und unseren Angeboten ergibt sich auch unsere ganz spezielle Ästhetik der Einfachheit, Direktheit und Poesie. Senftenberger Theater war nie gewöhnliches Stadttheater, sondern immer ein lebendiges Volkstheater, mal mehr mit der Tendenz zum ­plebejischen und proletarischen, mal mehr mit der Tendenz zum bürgerlichen.

Dieses künstlerische Kraftwerk hier im Energiebezirk der ehemaligen DDR, unsere weltliche Kirche (mit den Bergbauglocken auf dem Dach), unser lebendiges, auch gesellschaftlich und sozial engagiertes Volkstheater - es lebe dreimal hoch an seinem 60. Geburtstag. Glück Auf!

Sewan Latchinian
Intendant NEUE BÜHNE Senftenberg