Arbeitsbuch 18
Welten Wenden 8909
Herausgegeben von Thomas Flierl, Frank M. Raddatz
Broschur mit 204 Seiten
Format: 215 x 285 mm
Preis EUR 18,00
ISBN 978-3-940737-49-6
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Arbeitsbuch 18
Welten Wenden 8909
Herausgegeben von Thomas Flierl, Frank M. Raddatz
Vorwort
Zwanzig Jahre Weltenwende 1989 - das kann in der Tat einen Moment des Innehaltens stiften und anregen, das historische Jahr und seine noch lange nicht abgeebbten Folgen näher zu betrachten. Von den Folgen her betrachtet ist es womöglich noch gar nicht zu Ende, sondern fängt gerade erst an, indem es, verspätet, auch die westlichen Gesellschaften zur Transformation zwingt.
Ungeachtet dessen stellt das Jahr 1989 eine Zäsur in der Geschichte der Moderne dar. Eric Hobsbawm zufolge bringt es sogar das 20. Jahrhundert zum Abschluss. Aber anders als einige zu früh berufene Propheten wie Francis Fukuyama glauben machen wollten, handelt es sich bei diesem markanten Einschnitt keineswegs um das Ende der Geschichte. Eher noch zeigt dieses geschichtsträchtige Jahr die Fragwürdigkeit aller Teleologie der europäischen Geschichtsmodelle. Aber nicht nur das. Wendet man den Blick von Europa auf die Präsenz von 89 auf anderen Kontinenten und Kulturkreisen, zeigt sich, dass dieses Jahr in ganz unterschiedlichen Regionen der Welt eine Schlüsselrolle spielt. Als der Begriff Globalisierung noch nicht existierte, ordneten bereits die Wirkungen weit entfernter Ereignisse die historischen Realitäten neu. Der Rückzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan und der Fall der Mauer in Berlin stehen in unmittelbarem Zusammenhang. Und wie das Jahr 2008 uns mit der explodierenden Finanzkrise vorführte, war damit noch längst nicht die Entscheidung über den weiteren Gang der Dinge gefallen. Auch in unserer Gegenwart macht die Geschichte, was sie anscheinend seit je macht: Sie zieht ihre Fäden hinter dem Rücken der Akteure und verblüfft immer wieder aufs Neue all jene, die meinten, sie wüssten, wie der Hase läuft.
Der Rückblick auf 89 und die damit ausgelösten Weltenwenden kann nur im Zeichen der Zukunft stehen. Einer Zukunft, die vielleicht noch nie so ungreifbar und schemenhaft vor einer Gegenwart stand wie heute. Angesichts der anstehenden Probleme, die das Empire global hörbar krächzen lässt, kann es keine Rückkehr zum Status quo des ungebremsten Neoliberalismus geben. Der Neoliberalismus erwies sich als Katastrophe, die noch lange nicht ausgestanden ist und der nur mit neuen, auf grundlegende Veränderungen angelegten Optionen begegnet werden kann. Die Angst vor dem Neuen darf nicht dazu führen, die Augen vor den Herausforderungen zu verschließen. Was Not tut, so ließe sich der Tenor dieses Arbeitsbuches zusammenfassen, sind Betrachtungsweisen, die einen künftigen Paradigmenwechsel in den Fokus stellen. Heiner Müllers Devise „Keine Zukunft ohne Vergangenheit" kann als Motto über diesem Buch stehen, das keine Rezepte für morgen verabreicht, sondern Mut auf Unbekanntes machen will, zu Entwürfen und Erfindungen, die notwendig sind, aber auch Spaß bringen können, um das 21. Jahrhundert als Bündel unausgeloteter Möglichkeiten zu begreifen. Ein Zurück, das zeigen sämtliche hier versammelten Beiträge aus den unterschiedlichsten Betrachtungswinkeln von allen Ecken der Erde, wird es nicht geben. Auf dem Weg in die Zukunft müssen die Klischees von gestern, welche das gegenwärtige Biedermeier nicht nur in der Architektur beschwört, ebenso abgestoßen werden wie der unhinterfragte Zugriff auf die Natur. Wir leben bereits von der Substanz bzw. vom Erbe der Ungeborenen. So versteht sich das Arbeitsbuch „WeltenWenden" auch als ein Instrument, Verantwortung für die Zukunft wahrzunehmen, das heißt, einen neuen gesellschaftlichen Entwicklungspfad zu erkunden, einem neuen New Deal zuzuarbeiten, der die Welt in sozialer, ökologischer und ästhetischer Hinsicht wieder gestaltbar macht - ohne dabei ein neues Telos der Geschichte zu konstruieren.
Thomas Flierl und Frank Raddatz
Keine Zukunft ohne Vergangenheit.
Heiner Müller

